00:00:00: Ich habe ein neues Lieblingswort aus der Jugendsprache und während ich das sage, merke ich dass ich gefühlt Vierhundert bin.
00:00:07: Das ist tatsächlich der erste Konfi-Jahrgang deren Sprache ich einfach nicht mehr spreche.
00:00:13: Diga da die Loki gehostet!
00:00:16: Okay?
00:00:18: Manche Worte kenne ich noch.
00:00:20: Die heißen aber jetzt was ganz anderes als ich gelernt hab.
00:00:24: Eins davon finde ich wunderbar.
00:00:26: Schere – das meint nicht das Gerät mit dem man Papier schneidet Obwohl das natürlich Sinn machen würde, Schere bedeutet was anderes.
00:00:35: Der Ausdruck kommt aus der Gaming- und Streamingwelt.
00:00:39: Wenn man misgebaut hat hebt man die Schere heißt mein Fehler geht auf mich.
00:00:46: Ich finde es auf jeden Fall absolut bemerkenswert.
00:00:49: Da wird jungen Menschen von älteren Generation mit einer solchen Hingabe erklärt dass sie zu bequem sind für das Leben.
00:00:57: Die könnten doch gar keine Verantwortung übernehmen, ständig am Handy.
00:01:02: Immer nur die eigenen Bedürfnisse im Kopf und dann entwickelt ausgerechnet diese Jugendkultur ein eigenes Wort mit dem man sagt ich war es mein Fehler?
00:01:14: Wir Erwachsenen haben für den selben Vorgang viel mehr Worte.
00:01:18: wir sagen so Sachen wie das ist jetzt unglücklich gelaufen oder Das kam offenbar anders an als beabsichtigt.
00:01:27: Was haben solche Sätze gemeinsam?
00:01:30: Die Schuldfrage ist jetzt erst mal nicht so wichtig.
00:01:33: Die Verantwortung scheint irgendwo über dem Konferenztisch zu schweben, vermutlich neben dem Beamer den niemand bedienen kann – eine kleine sprachliche Meisterleistung und wir können es ziemlich gut!
00:01:47: Warum eigentlich?
00:01:49: Warum fällt uns dieser einfache Satz so schwer?
00:01:53: Ja das war ich Ein Fehler ist ja erst mal was, das wir getan haben.
00:01:59: Aber in unserem Kopf wird daraus dann blitzschnell eine Aussage über die ganze Person!
00:02:05: Wer etwas falsch gemacht hat, ist unzuverlässig oder uneignet.
00:02:10: Jedenfalls fühlt sich so an und weil niemand gerne als kompletter Idiot vor anderen steht beginnt gleich die Verteidigung.
00:02:18: Dabei hat noch gar keiner gesagt dass wir einer wären.
00:02:22: Unsere Angst übernimmt vorsichtsalber die Anklage Und dann verteidigen wir uns gegen ein Urteil, das womöglich überhaupt niemand fällen wollte.
00:02:31: Nur weil ich was falsch gemacht habe, peist es ja nicht, dass sich jetzt lieber in der Ecke sitzen und ausmalen
00:02:36: sollte.".
00:02:37: Die Bibel kennt dieses Theater seit ihren ersten Seiten.
00:02:41: Adam und Eva haben im Paradies von dem Baum gegessen, von dem sie nicht essen sollten – und Gott fragt Adam!
00:02:52: Das ist eine übersichtliche Frage.
00:02:57: Adam glänzt als erster Vertreter der männlichen Spezies und antwortet, Die Welt ist gerade erst entstanden und der Mensch hat bereits gelernt, Verantwortung von sich zu weisen.
00:03:31: Dann fragt Gott Eva – sie zeigt auf die Schlange!
00:03:35: Es ist ein bisschen wie in so einer Familie, in der eine Vase zur Bruch gegangen ist.
00:03:39: Niemand hat sie runtergeworfen.
00:03:42: Die Vase hat sich offenbar selbst hinabgestürzt.
00:03:46: Aber wir müssen jetzt Adam und Eva auch mal ein bisschen was zugestehen, denn vor diesen Ausreden steht im Text ein anderer Moment.
00:03:54: Die beiden versteckten sich, sie schämen sich und haben Angst.
00:03:58: Sie wollen von Gott nicht mehr gesehen werden!
00:04:01: Und es berührt mich ehrlich gesagt deutlich mehr als diese traurige Performance des weltersten Debatierklubs.
00:04:08: Wer sich schämt der möchte mit seinem Fehler möglichst unsichtbar werden?
00:04:13: Wenn das nicht funktioniert versucht man wenigstens die Schuld unsichtbares zu machen.
00:04:18: Dazu braucht man leider sehr viel Fantasie.
00:04:21: Natürlich könnten wir jetzt sagen, die beiden hätten einfach ehrlicher sein müssen.
00:04:25: Ja stimmt steht halt auch keiner von uns vor Gott dem Allmächtigen und ich glaube wie übersehen dabei noch was?
00:04:33: Menschen weichen meistens aus weil sie fürchterliche Angst davor haben was passiert wenn Sie ehrlich sind dass jemand einen Fehler für eine grundsätzliche Eigenschaft hält das man plötzlich nur noch auf das reduziert wird was man bedauert Und das macht die sache halt kompliziert.
00:04:51: Also steigst du in den Ringen, bevor der andere seine Frage noch fertiggestellt hat.
00:04:56: Und das ist das Absurde!
00:04:58: Manchmal bekämpfen wir so leidenschaftlich die Schuldzuweisung, die wir erwarten dass wir den anderen Menschen vor uns überhaupt nicht mehr wahrnehmen.
00:05:07: und irgendwann ist die Verteidigung anstrengender als der Fehler selbst.
00:05:11: ein wirklich beeindruckendes Eigentor.
00:05:15: Es bringt nämlich auch echt gar nichts.
00:05:18: Wenn ich jemanden verletzt habe, dann wird es ja nicht besser weil ich sehr genau erkläre wie schwierig mein Tag gewesen ist.
00:05:24: Der andere trägt den Schmerz Auch wenn ich überzeugende Gründe für meine schlechte Laune vorbringen kann.
00:05:31: Da ist dann etwas das sich anerkennen muss Ohne Fußnote ohne die schöne kleine Hintertür Die mit aber anfängt.
00:05:41: Ja du tut mir leid Aber man kann ja auch verstehen.
00:05:45: Nein, der Satz hätte aufhören müssen.
00:05:47: nach tut mir leid.
00:05:49: Das Aber baut der Entschuldigung ein Fluchtauto.
00:05:53: Andererseits kann es auch zu wenig sein wenn du schnell sagst, ah Schere!
00:05:58: Im Computerspiel reicht ein Wort wenn ich den entscheidenden Treffer vermasselt habe.
00:06:03: Wer im wirklichen Leben einen Menschen verletzt hat mit einer lässig gehobenen Hand noch nichts wieder gut gemacht.
00:06:10: Ein Eingeständnis ist der Anfang der Verantwortung.
00:06:14: Er ist nicht deren Erledigung.
00:06:16: Und wir haben keinen Anspruch darauf, dass andere uns sofort vergeben nur weil wir uns endlich überwunden haben den richtigen Satz zu sagen.
00:06:25: Gehört leider auch dazu!
00:06:27: Man kann alles ehrlich zugeben und muss trotzdem damit leben das etwas beschädigt bleibt.
00:06:33: Ich denke nochmal an den Garten Eden.
00:06:35: Die Geschichte endet nicht damit es Gott sagt Ist jetzt auch nicht so schlimm?
00:06:40: Schwamm drüber Es hat Folgen.
00:06:43: Die Menschen müssen den Garten verlassen, das was wahr ist vorbei.
00:06:48: Aber kurz vorher steht ein merkwürdiger fast zärtlicher Satz Gott macht ihnen Kleider und zieht sie ihnen an.
00:06:56: Diese beiden Menschen die eben noch versucht haben sich raus zu reden, die werden von Gott angezogen Und der Satz ist wahnsinnig wichtig!
00:07:05: Gott erklärt ihr Handeln nicht nachträglich für richtig.
00:07:08: Die Geschichte wird nicht zurückgespult weggewischt und alles geht weiter wie vorher.
00:07:14: Aber er lässt sie auch nicht schutzlos in ihre neue Wirklichkeit laufen.
00:07:18: Er hat sie gesehen, mit ihrer Angst und ihren schlechten Ausreden – und der kümmert sich trotzdem um Sie.
00:07:26: So ist Gott!
00:07:28: Ich kann meine Fehler zugeben ohne befürchten zu müssen damit für Gott als Mensch wertlos zu werden.
00:07:34: Gottes Kümmern hängt nicht davon ab dass ich bei der eigenen Lebensführung eine fehlerfreie Bilanz vorlegen kann Aber sie befreit mich eben auch nicht von den Folgen dessen, was ich tue.
00:07:47: Beides gleichzeitig auszuhalten – das ist wesentlich anspruchsvoller als jede flotte Entschuldigung!
00:07:53: Das kommt später noch mal wieder.
00:07:56: im Johannesevangelium begegnet der auferstandene Jesus Petrus.
00:08:01: Dem Mann, der groß versprochen hatte zu ihm zu stehen und dann gesagt hat er kennt ihn nicht, als es brenzlich
00:08:09: wurde.".
00:08:10: Die beiden sitzen nach einem gemeinsamen Essen beieinander und Jesus fragt, hast du mich lieb?
00:08:17: Er fragt wieder.
00:08:19: Und nochmal!
00:08:21: Petrus wird traurig darüber.
00:08:23: Jesus führt kein Verhöhe über den Abend seiner Verleugnung.
00:08:27: er tut aber auch nicht so als wäre zwischen ihnen nichts geschehen.
00:08:31: die Frage nach der Liebe berührt genau die Beziehung in der Petrus versagt hat und dann vertraut Jesus ihm wieder etwas an.
00:08:40: Es ist eine unerhört großzügige Geschichte und keine besonders billige.
00:08:45: Petrus wird mit seiner Vergangenheit ja weiterleben müssen, er kann sie nicht einfach löschen aber er wird auch nicht auf den schlimmsten Moment seines Lebens reduziert.
00:08:57: ich wünsche mir dass wir einander auch so ansehen können ohne die naive Vorstellung jeder Mensch müsse alles verzeihen schon gar nicht auf Kosten derer denen etwas angetan wurde Aber mit der Überzeugung, dass Menschen mehr sind als das was bei ihnen schief gelaufen ist.
00:09:14: Dann wird es auch einfacher den eigenen Anteil anzusehen – wobei einfacher natürlich ein großes Wort ist.
00:09:21: Manchmal werden wir weiterhin um einen einzigen Satz herumreden, als wäre es eine nukleare Tretmine und oft merken wir erst Stunden später, dass wir uns einfach hätten entschuldigen sollen.
00:09:33: Das ist menschlich!
00:09:35: Was ich an dem Wort Schere so mag, ist diese kleine fast beiläufige Bewegung.
00:09:41: Ich heb die Hand!
00:09:43: Ich geb zu.
00:09:44: den Punkt habe ich vermasselt.
00:09:46: Ich muss daraus kein Drama meiner Persönlichkeit machen und ich muss auch nicht erst beweisen dass die anderen mindestens genauso viele Fehler machen.
00:09:55: Die dürfen ihre Scheren schon selbst heben.
00:09:58: Für uns Erwachsene hätte ich übrigens noch einen ergänzenden Vorschlag Wir könnten das Wort ganz wörtlich nehmen und damit was abschneiden, dass aber von unserer Entschuldigung.
00:10:10: Das wäre doch ein Anfang!
00:10:12: Ich habe dich verletzt.
00:10:13: – es tut mir leid.
00:10:15: Punkt.
00:10:17: Den Rest besprechen wir wenn der Satz erst einmal stehen durfte.
00:10:21: Ich weiß nicht ob ich das immer schaffe.
00:10:23: Vermutlich werde ich auch morgen wieder Gründe finden weshalb das jetzt nicht klug wäre weil das so einen Fass wieder aufmacht.
00:10:31: Und dann hoffe ich, dass ich es merke dass ich die Hand heben kann.
00:10:36: Schere, Gott braucht keine fehlerfreie Version von mir um mich anzusehen und ich glaube damit kann ich leben sogar dann wenn ich gerade Unrecht hatte.