00:00:00: Meine Mutter war vor ihrem Ruhestand Arzthelferin.
00:00:03: Bei uns stand also ein Schirembel im Bücherregal, das ist ein medizinisches Wörterbuch, das sehr anschaulich zeigt wie Krankheitsbilder aussehen.
00:00:13: Ich weiß deshalb bis heute, wie sich viele Erkrankungen genau äußern in schwarz-weiß und extremerne Aufnahme.
00:00:22: andere Kinder blätterten in Tierlexika.
00:00:25: Ich habe mir mit großer Inbrunst die klinischen Erscheinungsformen diverser Hautkrankheiten angesehen.
00:00:32: Wer einmal eine großformatige Abbildung von Gürtelrose betrachtet hat, entwickelt ein bemerkenswert differenzierte Beziehung zur eigenen Haut.
00:00:40: Wir hatten außerdem immer eine hervorragend bestückte Hausapotheke.
00:00:46: Andere Familien hatten Pflaster und so eine angebrochene Packung Asperin.
00:00:51: Wir hätten vermutlich eher eine kleinere Landarztpraxis eröffnen können.
00:00:55: Also entwickelte ich früh einen ausgesprochen festen Glauben an die Wunder der chemischen Pharmazie – Ich glaub, ein Wirkstoffe!
00:01:04: An Tabletten mit Namen deren Aussprache auch als logopädische Übung durchgeht.
00:01:09: An Menschen in weißen Kitteln, die jahrelang forschen bis am Ende eine winzige Pille dafür sorgt dass mein Körper wieder tut wofür ich ihn nicht bezahle.
00:01:18: Und wenn der Hersteller eine beeindruckende Studie dazu vorlegt, bin ich sehr begeistert.
00:01:25: Um Interessenkonflikte und Kontrollgruppen können wir uns anschließend kümmern – man muss da jetzt ja auch nicht päpstlicher als der Papst sein!
00:01:34: Jedenfalls saß sich also Erwachsener eines Tages bei meiner Hausärztin.
00:01:38: Meine Schulter tat weh, nichts Dramatisches aber schmerzhaft genug um professionelle Hilfe zu suchen.
00:01:45: Ich erzählte ihr davon und erwartete so eine medizinische Intervention, Tabletten.
00:01:50: Eine Injektion.
00:01:52: Irgendwas mit einem Beipackzettel auf dem Stand das sich unter ausgesprochen ungünstigen Umständen daran sterben könnte oder was ich immer am allerschönsten finde kann Müdigkeit- und Kopfschmerzen erzeugen.
00:02:04: Ich möchte mal sagen ja kann alles andere auch!
00:02:08: Meine Ärztin erzählste erstmal etwas von Globuli.
00:02:12: Ich weiß nicht mehr welche.
00:02:14: Ich weiß nur noch, dass sie irgendwann aufschaut und mein Gesicht sah.
00:02:17: Ich schüttelte stumm den Kopf.
00:02:20: Sie hielt inne.
00:02:21: Sind sie dafür nicht so offen?
00:02:26: Das war das Ende unserer alternativ medizinischen Reise zusammen Und das ist bis heute so geblieben.
00:02:32: ich glaube weder an die heilende Kraft von Kristallen noch an positiv aufgeladenes Wasser.
00:02:37: vielleicht bin ich da ein bisschen betriebsblind Aber das darf ja jeder entscheiden, wie er oder sie das möchte.
00:02:43: Und bevor mir jetzt jemand schreibt seine Tante sei nach drei Globuli und einem energetisch harmonisierten Rosenquarz endlich ihre Migräne los geworden – ich freue mich für Ihre Tante!
00:02:54: Wirklich?
00:02:55: Ich würde nur gerne wissen woran es lag.
00:02:58: Denn zwischen danach ging's mehr besser und deshalb gings' mir besser.
00:03:02: Liegt eine ziemlich weite Frage….
00:03:05: Das ist um Himmels willen kein rund Umschlag gegen Heilpraktiker.
00:03:09: Das ist mir ganz wichtig.
00:03:10: Ich frotzel da, aber natürlich gibt es viele Menschen die in diesem Bereich verantwortungsbewusst arbeiten... ...die zuhören begleiten und ihre Grenzen auch kennen.
00:03:20: Zuwendung kann gut tun!
00:03:23: Manche ergänzenden Maßnahmen können Beschwerden lindern.
00:03:26: Was einfach sehr wichtig ist, ist die Frage danach was man Menschen verspricht?
00:03:39: Ob der sonst noch leben würde, weiß ich nicht.
00:03:41: Aber die Entscheidung finde ich von außen wirklich schwierig.
00:03:45: Vielleicht liegt es aber auch daran dass mich Menschen grundsätzlich Misstrauisch machen Die genau wissen was andere brauchen Besonders dann wenn die anderen schwer krank sind.
00:03:55: Wer jemandem erzählt seine Krankheit sei bloß ein ungelöster seelischer Konflikt Der macht aus einer Diagnose eine Charakterprüfung.
00:04:04: Wird der Mensch nicht gesund hat er offenbar falsch gedacht Zu wenig los gelassen oder nicht fest genug geglaubt, und das ist keine ganzheitliche Medizin.
00:04:14: Das ist moralische Körperverletzung mit Räucherstäbchen.
00:04:18: Heute soll es aber gar nicht vor allem um diejenigen gehen, die mit solchen Versprechen Geld verdienen.
00:04:24: Mich interessieren die anderen – die dies wirklich gut meinen!
00:04:28: Die Freundin, die unaufgefordert einen Link zu einer neuen Therapie schickt der Vater, der seinen bewachsenen Sohn zum hundertsten Mal erklärt was er ändern müsste Die Nachbarin, die von der unglaublichen Spontaneilung berichtet.
00:04:43: und die Menschen, die einem Sterbenden versichern, du darfst die Hoffnung einfach nicht aufgeben.
00:04:48: Weiß ich nicht!
00:04:50: Ich finde es gibt auch Situationen und einen Punkt in mancher Erkrankungen an dem man sehr wohl sagen darf – ich lass jetzt los.
00:04:58: Es ist nicht die Aufgabe eines kranken Menschen auch noch die Hoffnungen seiner Umgebung zu verwalten.
00:05:04: Vielleicht sprechen diese Menschen gar nicht nur zu ihm?
00:05:08: Vielleicht sprechen sie auch zu sich selbst, weil Sie etwas schwer aushalten.
00:05:13: Nämlich dass sie nichts tun können.
00:05:16: Wer liebt will helfen und ist auch richtig.
00:05:20: Man will dem Schicksal in die Speichen greifen Die Schmerzen wegnehmen Wenigstens ein Ausweg finden.
00:05:27: Liebe kann ungeheuer viel bewegen.
00:05:30: Sie macht mutig Sie lässt Menschen mitten in der Nacht losfahren Am Krankenbett bleiben Sich einsetzen kämpfen und durchhalten Aber manchmal macht sie auch blind.
00:05:41: Und zwar nicht für das Leiden des anderen, sondern für seine Grenzen.
00:05:46: Eine gute Absicht ist noch keine gute Handlung.
00:05:49: Es klingt selbstverständlich bis jemand sagt unsere Hilfe sei gar keine gewesen Unser Rat hätte ihn verletzt.
00:05:56: Unsere Sorge hat erdrückt.
00:05:59: Dann kommt dieser erstaunliche Satz vorgetragen wie ein gerichtlicher Freispruch.
00:06:04: Ich habe es aber nur gut gemeint Das glaube ich sogar.
00:06:07: Aber das sagt halt nur was über Deine Absicht.
00:06:10: Nichts über das, was Du getan oder vielleicht sogar angerichtet hast.
00:06:14: Im Markus Evangelium gibt es dazu eine Geschichte und nein ist nicht die Heilung am Sehbetest da!
00:06:20: Aber ich liebe die Geschichte und könnte vermutlich zweiundfünfzig Predigten darüber halten – über den selben Mann, denselben Teich und dieselbe Frage Jesu an ihn.
00:06:30: Wäre das sinnvoll?
00:06:32: Vermutlich nicht.
00:06:33: Würde es mir gut
00:06:34: tun?!
00:06:35: Ja... Womit wir übrigens schon mitten im Thema wären.
00:06:40: Nur weil mir was gut tut, muss sich andere Menschen nicht jede Woche damit
00:06:44: beglücken.".
00:06:45: Heute also Petrus.
00:06:47: Jesus erzählt seinen Jüngern das Erleiden verworfen und getötet werden wird.
00:06:52: Petrus hört es.
00:06:54: Er nimmt Jesus beiseite und beginnt ihm Vorwürfe zu machen.
00:06:57: Was genau er sagt, erzählt Markus nicht – aber man kann's sich vorstellen!
00:07:03: Das werden wir verhindern.
00:07:04: So darf diese Geschichte nicht enden….
00:07:07: Da steht ein Mensch vor Petrus, für den er sein bisheriges Leben verlassen hat.
00:07:12: Einer dem er vertraut hat, den er bewundert und dieser Mensch spricht von seinem
00:07:17: Tod.".
00:07:18: Was soll Petrus denn sagen?
00:07:21: Okay verstehe ich natürlich nicht!
00:07:25: Petrus widerspricht und Jesus schaut zu seinen Jüngern und fährt Petrus an.
00:07:30: Geh hinter mich Satan.
00:07:32: da möchte man seinen Freund vor dem Tod bewahren und wird mit ihm Teufel verwechselt.
00:07:37: Man muss die Szene aber ernst nehmen.
00:07:39: Bei Markus geht es um Jesu Weg und darum, dass Petrus einen leibenden Messias nicht begreifen kann.
00:07:46: Der Text ist keine moderne Fallstudie über übergriffige Fürsorge.
00:07:50: Da steht auch nicht Petrus Haber ausschließlich aus Liebe gehandelt.
00:07:54: da kann alles mitgespielt haben Angst Erwartungen eigene Hoffnungen.
00:08:00: Aber gerade deshalb ist er uns so nah.
00:08:03: Petrus weiß ja längst wie die Geschichte ausgehen soll.
00:08:07: Er hat gehört, was Jesus sagt.
00:08:09: Aber es darf nicht wahr sein!
00:08:11: Er hat seinen eigenen guten Plan und plötzlich versucht der Jesus auf diesen Plan festzulegen.
00:08:18: Man kann einem Menschen so sehr helfen wollen dass man aufhört ihm zuzuhören.
00:08:24: Das geschieht nicht nur bei Krankheiten das passiert auch in Familien- und Beziehungen manchmal sogar in der Seelsorge.
00:08:32: Du kannst einen Menschen aufrichtig lieben und trotzdem verletzen.
00:08:36: Liebe schützt nicht automatisch vor Übergriffen.
00:08:40: Sie kann sogar zur überzeugendsten Begründung dafür werden.
00:08:44: Deshalb braucht Liebe Verantwortung, sie braucht sie als Korrektiv, als weise Stimme – als die, die sagt Moment!
00:08:52: Lass uns erst mal schauen was das für Auswirkungen hat damit dass was uns innerlich überwältigt nicht einfach über einen anderen Menschen hinwegrollt.
00:09:01: Verantwortung fragt nicht nur Was will ich erreichen?
00:09:05: Sie fragt ja auch, was weiß ich wirklich?
00:09:08: Was darf ich versprechen?
00:09:11: Welche Folgen könnte mein Handeln haben und wem gehört eigentlich die Entscheidung.
00:09:16: Eine zweite Geschichte bei Markus macht die Sache für mich noch schöner und schwieriger.
00:09:21: Ein reicher Mann fragt Jesus, was er tun muss um das ewige Leben zu gewinnen.
00:09:36: Okay.
00:09:38: Und du musst all deinen Besitzer aufgeben.
00:09:42: Schwierig!
00:09:44: Der Mann kann es nicht, er wird traurig und dann geht er fort – und hier kommt das Entscheidende.
00:09:51: Jesus lässt ihn gehen.
00:09:54: Natürlich geht es auch hier nicht ursprünglich um Patientenautonomie aber ich bleibe an der Bewegung hängen.
00:10:01: Jesus schaut einen Menschen liebevoll an.
00:10:03: Er sagt ihm ganz klar was er für richtig hält Nichts.
00:10:09: Er verwandelt seine Zuneigung nicht in den Anspruch auf Gehorsam, vielleicht ist es leichter für jemanden durch's Feuer zu gehen als danebenzustehen während er eine Entscheidung trifft die wir falsch finden.
00:10:23: Das bedeutet nicht das Liebe schweigen müsste.
00:10:26: Wir dürfen warnen widersprechen und beharrlich sein.
00:10:30: Wer einen Menschen liebt der muss ihm nicht bei jeder Entscheidung applaudieren.
00:10:34: Und wo andere akut gefährdet sind, da dürfen wir uns nicht einfach mit dem Hinweis auf ihre Freiheit herausreden.
00:10:41: Aber die eigene Liebe ist eben kein Eigentums-Titel.
00:10:46: Nicht auf einen Menschen, nicht auf seine Krankheit und auch nicht auf Seine Hoffnung!
00:10:50: Ich glaube das es die wirkliche Zumutung am Krankenbett – nicht immer was zu sagen.
00:10:56: Manchmal nichts zu versprechen, nicht aus jeder Angst ein Projekt zu machen… und nicht jede Verzweiflung mit einer Erfolgsgeschichte zuzukleistern.
00:11:06: Vielleicht will ein Mensch einfach erzählen, wie es ihm geht?
00:11:09: Und vielleicht will er hoffen – obwohl die Aussichten schlecht sind!
00:11:13: Aber er darf auch sagen, dass er aufhören will sich immer noch tapfer fühlen zu müssen.
00:11:19: Und das ist der schwerste Satz den wir sagen können Es gar kein besonders kluger Sondern eine einzelne Frage Was brauchst du jetzt gerade von
00:11:29: mir?!
00:11:30: Ich warne vor, es kann gut sein dass uns die Antwort nicht gefällt.
00:11:34: Dass der andere etwas anderes braucht als wir geben wollen.
00:11:39: Dass wir merken wie viel von unserem Rettungseifer mit unserer eigenen Angst zu tun hat.
00:11:45: Mit dem Wunsch nicht hilflos zu sein.
00:11:47: Nicht loslassen zu müssen und erleben zu müssen das selbst große Liebe nicht alles heil machen kann!
00:11:59: Ich saß so, so oft dabei und ich wünschte von Herzen dass Liebe jede Krankheit besiegt.
00:12:05: Jede Wunde schließt jeden Abschied verhindert.
00:12:09: aber das kann sie nicht!
00:12:10: Und wer es trotzdem verspricht der belastet die die Leiden mit einer weiteren Aufgabe Sie sollen gesund werden damit unsere Hoffnung recht behält.
00:12:21: Ich glaube verantwortliche Liebe beginnt da wo sie ihre Grenzen erkennt ohne deshalb kleiner zu werden Wo sie immer noch übermächtig ist, aber nicht übergriffig.
00:12:32: Da wo sie kämpft wenn Kämpfen hilft und zuhört wenn Zuhören gebraucht wird.
00:12:38: Denn Liebe darf uns über unsere eigenen Grenzen treiben Aber die Grenzen des anderen Die darf sie nicht mitreisen.
00:12:47: Und manchmal ist das Wunder nicht dass wir einen Menschen retten Sondern dass wir bei ihm bleiben können ohne uns Zu seinem Retter zu erklären.