Predigtbruch

Predigtbruch

Transkript

Zurück zur Episode

00:00:00: Es gibt Fragen, die sind eigentlich gar keine Fragen.

00:00:03: Warum liegt denn hier schon wieder eine einzelne Socke?

00:00:06: Zum Beispiel!

00:00:08: Niemand erwartet darauf ernsthaft ne wissenschaftlich belastbare Antwort.

00:00:13: Du willst ja auch keine Abhandlung über Waschmaschinen-Logistik... Man möchte dass irgendjemand zugibt das das Leben offenbar ein mies organisiertes System ist in dem Socken verschwinden und Tupperdosendeckel sich einfach vermehren.

00:00:27: nur die Decke.

00:00:29: Und dann gibt es eine andere Frage, die so viel wiegt wie ein ganzes Klavier.

00:00:35: Zwei Wörter!

00:00:36: Warum ich?

00:00:38: Die klingt erstmal tatsächlich nach einer Frage – ist aber eigentlich meistens keine.

00:00:44: Denn der, der sagt warum Ich erwartet ja nicht dass jemand einen Ordner aus dem Regal zieht und antwortet.

00:00:51: Das ist ne gute Frage hat folgende vier Gründe.

00:00:57: Warum passiert, ausgerechnet mir das?

00:01:00: Warum mein Körper?

00:01:02: Warum meine Familie?

00:01:04: Warum dieser Befund?

00:01:05: Warum diese Mensch?

00:01:08: Warum gerade jetzt und vor allem warum verdammt noch mal ich.

00:01:14: Die meisten von uns sind wirklich schlechter in auszuhalten, dass Dinge geschehen ohne uns vorher Motivationsschreiben geschickt zu haben.

00:01:22: Wir wollen Gründe.

00:01:24: Gründe sind großartig, sie verwandeln Chaos in eine Geschichte.

00:01:28: Wenn ich weiß warum was passiert kann ich es beim nächsten Mal ja verlässlich verhindern.

00:01:34: Wenn Ich weiß was ich falsch gemacht habe dann kann ich's ja in Zukunft richtig machen.

00:01:40: Irgend ein Zusammenhang muss doch da sein irgendeine Logik etwas das mir wenigstens für fünf Minuten Das Gefühl zurück gibt dieses Leben habe grundsätzlich Verstanden Was Es tut.

00:01:53: Also fangen wir an zu rechnen.

00:01:55: Zu viel gearbeitet, vielleicht zu wenig auf mich geachtet oder zu spät zum Arzt gegangen.

00:02:01: Will Gott mir irgendwas sagen?

00:02:04: Ist das eine Prüfung?

00:02:06: Soll ich hier irgendetwas lernen?

00:02:08: und irgendwann sitzt man da mit einer Lebenskrise und zusätzlich einem selbst gebastelten Strafverfahren gegen sich selbst.

00:02:17: Dann ist nicht nur alles Mist jetzt bist du möglicherweise auch noch schuld daran.

00:02:22: Religion ist bei dieser Veranstaltung leider seit Jahrhunderten unsäglich hilfsbereit.

00:02:28: Sie hat für nahezu jede Katastrophe, einen kleinen Aufkleber am Sortiment.

00:02:33: Da steht drauf Gott hat ein Plan.

00:02:36: Draufleben fertig Diagnose?

00:02:39: Plan!

00:02:40: Verlust?

00:02:41: Plan Zerstörter Lebenstraum.

00:02:44: Das wird schon Sinn haben.

00:02:46: Ich weiß nicht, wann wir beschlossen haben Gott zum Sachbearbeiter einer kosmischen Schadensregulierung zu machen.

00:02:53: Aber ich möchte den Antrag gern zurückziehen.

00:02:56: Manches passiert.

00:02:58: Körper sind verletzlich Menschen machen Fehler und Zellen tun Dinge die sie nicht tun sollten.

00:03:05: Andere Menschen gehen Und in Natur führt keine Gerechtigkeitsabteilung.

00:03:11: Wir leben in einer wunderschönen und gleichzeitig so zerbrechlichen Welt Und manchmal reicht ein einziger Satz, um mein Leben in einen vorher und ein nachher zu teilen.

00:03:23: Wir haben die Ergebnisse, vier Wörter... ...und plötzlich steht die Zukunft, die eben noch selbstverständlich vor einem lag, ein paar Meter weiter weg.

00:03:33: Das ist das Gemeinnahmen Unglück.

00:03:36: Es nimmt einem nicht nur die Gegenwart es grabscht auch noch nach der Zukunft Nach den Dingen, die noch gar nicht passiert sind Nach dem Urlaub nächstes Jahr dem Studium, dem Geburtstag nach der Wohnung die man doch irgendwann haben wollte.

00:03:52: Den Menschen den man womöglich noch gar nicht kennengelernt hat.

00:03:56: und du trauerst plötzlich um ungelebte Dienstage während gleichzeitig draußen der normale Betrieb weiterläuft Busse fahren Leute kaufen Brötchen Irgendjemand regt sich bei Rewe darüber auf dass eine zweite Kasse geöffnet werden müsste Und du möchtest ihn mit der Schwimmnudel kloppen und sagen Ernsthaft, das ist gerade wichtig.

00:04:20: Kannst du dir vorstellen welche Sorgen andere grad haben oder ist dir das einfach egal?

00:04:26: Nein es ist vermutlich nicht egal aber er hat diese Sorgen grade nicht.

00:04:33: seine Welt ist noch intakt.

00:04:35: Das ist eine der einsamsten Erfahrungen des Leidens dass die Erde sich weiterdreht obwohl die eigene grade aufgehört hat.

00:04:43: und dann kommen Menschen Liebe Menschen, Menschen die es gut meinen.

00:04:48: Das ist oft der gefährlichere Teil.

00:04:50: Böse Menschen erwartet man ja!

00:04:52: Gut meintende Menschen sind völlig unberechenbar.

00:04:55: sie sagen versuch positiv zu bleiben oder du bist so stark das auch.

00:05:01: so ein Satz.

00:05:02: was wenn ich gar nicht stark bin?

00:05:05: Wenn ich einfach nur noch da bin?

00:05:07: Wenn duschen heute schon eine olympische Disziplin war?

00:05:11: Ich möchte vielleicht für niemanden ein Beispiel dafür werden, wie tapfer Menschen Schreckliches ertragen können.

00:05:40: Und irgendwann kommt sie dann um die Ecke geschlichen.

00:05:43: Diese Frage, warum ich?

00:05:47: Ich glaube mit vielen vierzig Jahren langsam.

00:05:50: diese Frage braucht gar keine Antwort.

00:05:52: Sie braucht Gesellschaft Weil in diesen zwei Wörtern meistens noch ganz andere Fragen stecken.

00:05:59: habe ich vielleicht was falsch gemacht?

00:06:02: Nein werde ich bestraft?

00:06:04: definitiv nein.

00:06:06: und hat Gottes gewollt?

00:06:09: das kann ich nicht sagen Aber ich glaube persönlich, das hat er nicht.

00:06:15: Darf ich dann wütend sein?

00:06:17: Unbedingt!

00:06:18: Auch auf Gott, der hält es aus.

00:06:21: Die Bibel ist voll von Menschen die Gott Dinge sagen für die wir sie heute vermutlich aus dem Kirchenvorstand schmeißen würden.

00:06:28: Sie schreien und klagen Und sie werfen Gott vor nicht da zu sein.

00:06:33: Sie verlangen Antworten.

00:06:35: Manches davon klingt so wenig erbaulich dass da halt niemand Fromme Postkarten daraus gemacht hat.

00:06:42: Und dann gibt es diesen einen Menschen, von dem das Christentum behauptet in ihm sei Gott selbst sichtbar geworden.

00:06:49: Jesus und wir wissen wie das ausging!

00:06:54: Als es für ihn dunkel wird sagt er nicht.

00:06:56: jetzt verstehe ich endlich den größeren Zusammenhang.

00:06:59: der hängt am Kreuz und fragt wozu?

00:07:03: Mein Gott mein Gott wozu hast du mich verlassen?

00:07:06: Da ist sie mitten im Zentrum des christlichen Glaubens.

00:07:10: die Frage ohne Antwort Wozu?

00:07:13: Und warum?

00:07:15: Ich finde das schrecklich und tröstlich.

00:07:19: Gott hat keine Angst vor einer unbeantworteten Frage, wir schon!

00:07:23: Wir Fahrer übrigens besonders.

00:07:25: Dann denkst du dir irgendwo muss doch ein Sinn rumliegen.

00:07:28: Ein Bibelfers, ein hübscher Gedanke.

00:07:31: Irgendwas womit man dieses Loch stopfen kann.

00:07:34: Vielleicht ist es einfach falsch übersetzt.

00:07:36: Am Karfreitag bleibt die offene Wunde eine offene wunde.

00:07:40: Der Schmerz bleibt Schmerzen.

00:07:42: Die Angst wird nicht zur pädagogischen Maßnahme erklärt.

00:07:46: Jesus bekommt keine Erklärung!

00:07:49: Das Christentum behauptet an dieser Stelle etwas viel Verrückteres.

00:07:53: Gott geht hinein, das ist ein gewaltiger Unterschied.

00:07:57: Ich kann mit einem Gott wenig anfangen der irgendwo über meinem Leben im Drehbuch sitzt und sagt Wart ab Kapitel zwölf wird super.

00:08:06: Du verstehst nur grad die Dramaturgie nicht.

00:08:09: Ich glaube eher an einen, der längst neben uns auf dem Boden sitzt.

00:08:13: Der sagen kann – das tut weh ich weiß!

00:08:17: Ich bleib mir nicht.

00:08:20: und womöglich ist dieses Ich Bleib größer als jede Erklärung.

00:08:24: Denn eine Erklärungen kann mir sagen warum mich im Dunkeln sitze.

00:08:27: Sie macht aber kein Licht.

00:08:29: Ein Mensch der sich neben mich setzt schon eher Irgendwann kann sich dann sogar die Frage verändern Nicht auf Kommando oder nach einer angemessenen Trauerfrest und schon gar nicht, weil irgendein Pfarrer findet wir müssten jetzt langsam zum hoffnungsvollen Teil kommen.

00:08:45: Manche Fragen dürfen lange Fragen bleiben aber im Warum Ich steckt ein Wort das man leicht übersieht ich warum ich dieses Ich hier dieser eine Mensch mit seinem absurden Humor seinen Lieblingslied an seiner Art Kaffee zu trinken den Menschen die er liebt Den Dingen, die ihn nerven, seinen Plänen, seinem schlechten Geschmack bei Dekorationsgegenständen oder den sieben Macken, die man eben hat.

00:09:18: Dieses Ich mit seiner Geschichte und seiner Zukunft – und spätestens da stolpern wir.

00:09:24: Zukunft!

00:09:25: Weil Angst eine ziemlich miese Angewohnheit hat.

00:09:28: Sie tut so als wüsste sie schon was morgen passiert.

00:09:32: Tut sie nicht.

00:09:33: Angst ist keine Prophetin.

00:09:36: Sie isst Angst mehr nich'.

00:09:38: Sie ist der aktivierte, rote Alarm auf der Brücke.

00:09:41: Nicht die wirkliche Bedrohung!

00:09:43: Du darfst sie ernst nehmen und du solltest sie ernstnehmen aber gib ihr nicht die Interpretationshoheit deiner Zukunft.

00:09:51: Manches wird anders Pläne können sich verschieben und Wege verändern Und irgendwann kommt womöglich wieder ein Dienstag an dem du aufwachst und für drei Minuten an was völlig Banales denkst.

00:10:03: Erst beim Zähneputzen fällt's dir wieder ein.

00:10:06: Da war ja was.

00:10:08: Diese drei Minuten sind kein Verrat an dem, was dir passiert ist.

00:10:12: Sie sind Leben!

00:10:14: Hoffnung heißt für mich auch nicht fest davon überzeugt zu sein dass alles gut wird.

00:10:19: Den Satz kann ich ohnehin nicht versprechen.

00:10:21: Kein seriöser Mensch kann das.

00:10:24: Hoffnung ist kleiner Trotziger und unverschämter.

00:10:28: sie sagt Das hier war noch nicht das Ende Und dieser Satz fädelt die Katastrophe wieder auf die Perlen schnur deines Lebens.

00:10:38: Sie wird Teil deiner Geschichte, womöglich ein elendes und schlimmes Kapitel.

00:10:43: Aber sie bekommt nicht den Buchtitel – den darfst du behalten!

00:10:48: Und wenn du gerade keinen Titel weißt auch gut?

00:10:51: Dann bleibt die Seite eben frei.

00:10:54: Es muss nicht alles sofort Sinn ergeben.

00:10:56: Aus Schmerzen muss kein Persönlichkeits-Entwicklungsseminar werden Und du schuldest niemandem eine inspirierende Geschichte darüber, wie man tapfer durch schwere Zeiten geht.

00:11:08: Für heute reicht manchmal da sein Atmen Essen Schlafen und Wein Und vielleicht auch lachen Obwohl man für eine Sekunde denkt das dürfte man jetzt eigentlich nicht.

00:11:22: Doch Das darf man.

00:11:24: Man darf sogar mitten im gefühlten Untergang Pommes essen und sie hervorragend finden.

00:11:29: Das Leben ist taktlos genug, so was zu können.

00:11:33: Und das ist eine seiner schönsten Unverschämtheiten.

00:11:37: Es lässt sich nicht vollständig vertreiben.

00:11:40: Irgendwo zwischen Angst, Wartezimmer und schlafloser Nacht Ist plötzlich ein Lied gut Jemand macht einen völlig bescheuerten Witz Oder Sonne fällt auf einem Tisch Eine Hand findet deine Und für einen Moment ist nicht alles gut Aber etwas Etwas ist gut Und genau dort suche ich Gott.

00:12:03: Für mich sind solche Momente ganz oft, wenn ich im Auto sitze und nicht selber fahren muss.

00:12:09: Dann mache ich das Fenster auf – ganz egal wie warm oder kalt es ist!

00:12:13: Ich lehne den Kopf an die Verkleidung und schließe die Augen.

00:12:17: nur Wind und Ruhe und keinen Stillstand.

00:12:20: Ich bin einfach kein Wurzeln-und Zuhause Typ.

00:12:24: Diese Momente sind so wichtig Und sie enden nicht in der Erklärung dafür, warum einem Menschen was Schreckliches passiert.

00:12:32: Du musst zu dir suchen!

00:12:34: In diesem hartnäckigen Leben das sich weigert nur noch aus dem Schrecklichen zu bestehen.

00:12:39: In Menschen die bleiben... ...in einer Hand, in einem Lied.. ..In drei gedankenlosen Minuten beim Zähne putzen und vor allem in diesem kleinen Wort dass es in der großen Warum-Frage beinah untergeht Ich.. ich mit Angst Mit Wut, mit all den Fragen für die gerade niemand eine Antwort hat.

00:13:02: Ich bin geliebt und du bist es auch!

00:13:05: Ich weiß nicht warum dir das passiert ist Und ich werde keinen Sinn erfinden nur damit wir beide besser nachts schlafen.

00:13:13: Aber ich glaube an einen Gott der deinen Namen nicht mit dem verwechselt was dir passiert ist Der deine Zukunft nicht abschreibt Nur weil Du sie grade selbst nicht sehen kannst Und ihr diese Warumfrage kennt von innen.

00:13:28: Darum darfst du sie haben.

00:13:30: Schrei sie, flüster sie, bete sie oder schreib sie irgendwo hin und streich sie wieder durch.

00:13:37: Und wenn du irgendwann keine Kraft mehr hast zu fragen dann lass sie einfach liegen.

00:13:43: Gott findet dich auch ohne richtige Frage.

00:13:46: Warum ich?

00:13:48: Ich weiß es nicht.

00:13:49: Aber eins weiß ich Du bist mehr als das was dir passiert und solange deine Geschichte weitergeht?

00:13:57: Hat die Angst, nicht das Recht schon hinten im Film zu sitzen und zu krechten?

00:14:01: Ah!

00:14:02: Das hab ich schon gesehen.

00:14:03: Ich weiß wie es ausgeht... ...das weiß sie

00:14:06: nicht.".