00:00:00: Es gibt so einen Moment bei Chorproben, da zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen.
00:00:05: Nicht beim Einsingen – da sind wir noch zivilisiert!
00:00:09: Ein bisschen brumm, ein bisschen Lippen flattern.
00:00:12: Alle tun so als sei es völlig normal an einem Donnerstagabend gemeinsam Geräusche zu machen.
00:00:18: die klingen wie in alter Kühlschrank.
00:00:21: Das meine ich doch nicht.
00:00:23: Der wahre charakter zeigt sich wenn die Chorleiterin sagt einmal nur die Tenüre Dann lehnen sich die Bässe zurück.
00:00:32: Mit diesem milden Gesichtsausdruck von Männern, die wissen das Fundament steht, lasst die mal zwitschern!
00:00:39: Jetzt dürfen die anderen Mal bis hin Dachrinne spielen Die Ténöre holen Luft Steigen mutig hinauf Und irgendwo singt garantiert Ein Bass mit Nicht zu laut Nur zur Sicherheit Weil Ténörer ohne Aufsicht.
00:00:54: Es ist schwierig.
00:00:56: Ein Sopran schneidet es durch den Raum.
00:00:58: Der Alt dahinter rollt die Augen und bewegt den Mund zu so einem Stummen, aber sehr gefühlten Diewa!
00:01:06: So ist das mit vielen Stimmen.
00:01:08: Es ist wunderschön Und gelegentlich anstrengend möchte ich sagen.
00:01:14: ein Chor lebt nicht davon dass alle gleich klingen.
00:01:18: Wenn alle exakt denselben Ton in derselben Lage Mit der selben Klangfarbe singen Dann wäre das zwar ordentlich laut Aber es wäre keine Harmonie.
00:01:28: Es wäre Einstimmigkeit, unisono.
00:01:31: Harmonie beginnt erst dort wo Unterschiede bleiben dürfen.
00:01:36: Der Tenor muss sich nicht dafür entschuldigen dass er Höhen erreicht bei denen hier und da auch in Garagentour aufgeht.
00:01:44: Eine Stimme gibt Glanz eine andere wärmt.
00:01:48: Einer hält den Boden eine setzt sich quer bis der Akkord plötzlich interessant wird.
00:01:55: Viele Stimmen ergeben einen Klang.
00:01:57: Eine Stimme von oben herab ist eher so eine Alarmübung auf dem Handy Keine Stimme.
00:02:03: alleine isst der Chor.
00:02:06: Ich weiß, das war subtil aber die ein oder andere Mark es vermutet haben Es klingt auch so'n bisschen nach Kirche Subtile Überleitung.
00:02:16: ich weiß bleiben wir also subtil.
00:02:19: Und wer kann subtil besser als Elton John?
00:02:22: Elton John war nie ein Mann für unauffällige Hintergrundbeschallung.
00:02:26: Er saß nicht am Klavier und vermittelte den Eindruck, bitte beachten Sie mich nicht!
00:02:32: Glitzende Brillen, Plateauschuhe, Federn – und eine Stimme die man sofort erkennt.
00:02:38: Er betrat eine Bühne wie andere Leute in der Silvester-Party nach drei bis sieben Gläsern seckt.
00:02:43: Trinzeitdreiundachtzig erschien der Song Armstill Standing.
00:02:49: Den Text hatte Bernie Tobin geschrieben Und ursprünglich war das Lied wohl eigentlich viel kleiner gemeint, so als selbstbewusster Abschiedsgruß nach einer gescheiterten Beziehung.
00:03:00: Ich glaube in der evangelischen Kirche würden wir sagen konstruktiv zu interpretierende Separationsbekundungen.
00:03:08: aber manche Lieder werden größer als hier Anlass und das liegt daran dass Menschen ihre eigenen Geschichten hineinlegen.
00:03:15: und dann passt so ein Satz plötzlich in ein Leben von dem sein Auto überhaupt nichts wusste.
00:03:20: Und bei Elton John bekam dieser Satz dann nochmal so einen ganz besonderen Klang.
00:03:26: Ein Mann, der nicht in die vorgesehenen Formen passte, der singt Ich bin immer noch da und ich störe eure Engsternigkeit weiter nach allem was er mir angetan und an den Kopf geworfen hat.
00:03:40: Amster Standing und zwar nicht im Kellerzimmer ohne Fenster und das heißt nicht ich bin unverwundbar oder mir hat das alles nichts ausgemacht.
00:03:50: Im Lied liegen die Scherben ja noch rum, das ist kein Triumphmarsch eines Menschen der nie am Boden war.
00:03:57: Es ist die trotzige Freude eines Menschen, der den Boden kennt und sagt Wenn du mich und meine Träume in den kalten Schnee stößt Dann wackel ich mit den Armen und Beinen Und mach eben da einen Engel.
00:04:11: Vielleicht berührt uns dieses Lied deshalb so Weil fast jeder Mensch sowas schon mal gehört hat Du passt hier nicht hinein Du bist zu laut.
00:04:21: Zu anstrengend, zu
00:04:22: anders.".
00:04:24: Als mein neuer Kollege eingeführt wurde der ein ganz lieber Freund von mir ist sagten auf dem Empfang im Anschluss die ersten Leute wir sind einfach so erleichtert dass wir jetzt wieder einen richtigen Pfarrer haben.
00:04:37: also es nicht böse gemeint und viele von uns kennen solche Sätze Und sie hallen in einem Menschen nach auch wenn derjenige der sie sagt sie längst vergessen hat.
00:04:48: Manchmal verbringen wir Jahre damit, unsere Stimme so zu verändern dass sie niemanden stört.
00:04:54: Wir singen tiefer obwohl die Stimme hoch ist vielleicht leiser obwohl was gesagt werden müsste angepasster damit der Akkord schön sauber klingt.
00:05:05: und irgendwann klingt das Leben vielleicht ordentlich nur halt nicht mehr nach dir.
00:05:11: Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth ein Bild des beinahe Chorprobe hätte sein können.
00:05:17: Die Gemeinde ist ein Leib.
00:05:19: Also, ein Körper sagt er Auge, Ohr Hand und Fuß unterschiedliche Teile unterschiedliche Aufgaben Einkörper.
00:05:29: Und dann sagt der Fuß in der Geschichte Weil ich keine Hand bin Gehöre ich doch nicht zum Leib?
00:05:36: Und wie traurig ist das bitte?
00:05:39: weil der Fuß offenbar gelernt hat sich mit der hand zu vergleichen und dabei übersehen hat, dass niemand vernünftig auf Händen zum Bäcker gehen möchte.
00:05:48: Noch gefährlicher finde ich wird es wenn das Auge zur Hand sagt – dich brauchen wir hier nicht!
00:05:55: Dann wird aus Unterschiedlichkeit keine Vielfalt mehr sondern so eine Rangordnung.
00:06:01: Eine erklärt seine Begabung zur Norm.
00:06:04: Hier ist vorne Eine Stimme bestimmt was als Musik gelten darf Und wer anders klingt der soll sich gefälligst anpassen Leiser werden oder verschwinden.
00:06:17: Paulus sagt nicht im Leib Christi sind alle gleich, aber ihr seid gleich viel wert!
00:06:23: Er sagt gerade weil ihr doch verschieden seid braucht ihr einander.
00:06:28: Einheit ist nicht die Abwesenheit von Unterschieden.
00:06:33: Einheit is die Weigerung aus unterschieden Wertunterschiede zu machen.
00:06:38: Gott baut seine Gemeinde nicht aus genormten Ersatzteilen.
00:06:42: er sammelt Originale Und manche von uns sind eben sehr, sehr original.
00:06:48: Das ist nicht immer bequem weiß ich.
00:06:51: Vielfalt klingt auf Posten ganz wunderbar.
00:06:54: In Wirklichkeit bedeutet sie aber dass jemand anders denkt Anders glaubt, anders liebt und trotzdem nicht aus deinem Bild verschwindet.
00:07:03: Einheit bedeutet eben nicht Dass wir uns gegenseitig so lange abschleifen bis wir endlich reibungslos nebeneinander legen.
00:07:12: das is kein Mosaik Das Fließen legen.
00:07:16: Eine Gemeinschaft ohne Reibung ist keine Gemeinsschaft, es ist eine Ablage.
00:07:22: Zum Glück kommt der aber dann noch Pfingsten um die Ecke.
00:07:25: Menschen aus allen möglichen Gegenden mit verschiedenen Sprachen Geschichten und Prägungen treffen sich.
00:07:31: Gottes Geist hätte das Problem sehr effizient lösen können.
00:07:35: ab jetzt sprechen bitte alle dieselbe Sprache.
00:07:38: himmlisches Standard Hochdeutsch Ein göttlicher Verwaltungsvorgang, alles zentralisiert und effektiv.
00:07:46: Aber genau das geschieht nicht – weil Glaube so nicht funktioniert!
00:07:50: Die Menschen hören die gute Nachrichten ihrer eigenen Sprache.
00:07:55: Gottes Wunder besteht nicht darin dass die Unterschiede verschwinden sondern darin des Verständigung möglich wird ohne dass einer dafür seine Sprache aufgeben muss.
00:08:07: Gottes Geist macht aus Vielfalt keine Gleichförmigkeit.
00:08:11: Sie sprechen eben nicht alle die gleiche Sprache.
00:08:14: Das Wunder von Pfingsten ist, dass sie einander plötzlich zuhören und dadurch den anderen verstehen.
00:08:21: Wenn wir das lernen könnten Nicht sofort zu fragen wie der andere verändert werden müsste damit er in unseren Akkord passt Sondern zu hören was trägt seine Stimme zum Klang Gottes bei Dass ohne ihn fehlen würde?
00:08:38: Wie passt alles das zu Elton John?
00:08:39: Wie passt es zu Amster's The Ending?
00:08:42: Das Lied ist ja nun sehr in der ersten Person Singular zu Hause und redet eigentlich von Ich, ich und ich.
00:08:49: Das darf es!
00:08:50: Jeder darf laut singen – ich.
00:08:53: Und trotzdem singt keiner allein.
00:08:57: Das ist kein Widerspruch.
00:08:59: Ich glaube das ist das ganze Geheimnis guter Gemeinschaft.
00:09:03: Christliche Gemeinsschaft beginnt nicht da wo Menschen ihr ICH an der Tür abgeben.
00:09:08: Sie beginnt da, wo ein Mensch sein ich nicht mehr verteidigen muss weil andere ihm Raum lassen.
00:09:14: Wo jeder die eigene Stimme behalten darf und gerade damit Teil des gemeinsamen Klangs wird.
00:09:22: Vielleicht sitzt du heute hier Und kannst diesen Satz aus voller Brust mitsingen Amster Standing.
00:09:28: Ich bin immer noch da Nach dieser Trennung nach dieser Diagnose Nach dem Jahr das mir so viel mehr genommen hat als ich erzählen möchte.
00:09:39: Nach dem Streit und nach dem Scheitern, nach den Nächten in denen ich selbst nicht wusste ob und wie es weitergeht.
00:09:48: vielleicht hörst du aber auch diese Folge und du kannst diesen Satz nur mit den Lippen mitformen.
00:09:54: Vielleicht hast Du das Gefühl nicht besser da zu stehen als je zuvor oder Du sitzt innerlich einfach noch am Boden zwischen den Stücken Deines Lebens Und jede Durchhalteparole kommt dir eher wie ein Schlag ins Gesicht vor.
00:10:11: Dann ist es gut, dass ein Chor singt Denn im Chor muss nicht jeder jeden Ton gleich stark tragen.
00:10:18: Manchmal trägt die Stimme neben mir den Satz, Den ich selbst grad nicht glauben kann.
00:10:24: Manchmal leid mir in anderer Seinen Atem Und manchmal so geht's mir.
00:10:29: jedenfalls Steh' ich nur noch deshalb Weil Menschen neben mir stehen und nicht verlangen, dass ich alle meine Schwäche erst verstecke bevor euch dazugehören darf.
00:10:40: Amster Standing ist kein Lied über Selbstoptimierung weil die Botschaft nicht lautet jetzt stelle dich nicht so an.
00:10:47: andere sind schließlich auch hingefallen Und die posten schon wieder im Sonnenuntergang in Bikini.
00:10:53: christliche Hoffnung sagt nie.
00:10:56: ein wahrhaftig gläubiger Mensch fällt nicht Nie.
00:10:59: das steht nicht in der Bibel.
00:11:01: Die Helden der Bibel sind in ganz großen Teilen fürchterliche Katastrophen.
00:11:06: Und unser Erlöser ist auch kein Marvel-Superhalt!
00:11:09: Im Zentrum unseres Glaubens hängt einer, der zusammengebrochen ist.
00:11:14: Jesus wird nicht bewundert weil er sich am Karfreitag irgendwie doch noch auf den Beinen hält – er fällt.
00:11:21: Er wird verwundet und gedemütigt… er stirbt … und Osternes Gottes leidenschaftliche Weigerung ihn dort liegen zu
00:11:30: lassen.".
00:11:31: Auferstehung ist nicht die Kunst, niemals zu Boden zu gehen.
00:11:36: Auferstehungen ist Gottes Weigerung uns dem Boden zu überlassen.
00:11:41: Deshalb können wir einem Stillstanding singen ohne uns was vorzumachen?
00:11:47: Vielleicht stehe ich aus eigener Kraft vielleicht stützt mich gerade jemand Vielleicht kann ich heute nur sitzen und die anderen singen hören.
00:11:56: auch das gehört zum Klang.
00:11:58: Der Glaube misst nicht, wie Kerzen gerade einer dasteht.
00:12:02: Er erzählt von einem Gott der Menschen aufrichtet und oft durch andere Menschen.
00:12:08: Viele Stimmen ergeben einen Klang – gerade weil sie so verschieden sind!
00:12:13: Der Bass schenkt dem Lied Halt und Ehrdung Boden.
00:12:18: Der Tenor öffnet die Wolken.
00:12:20: Einer hält den Rhythmus.
00:12:22: Einen findet nach einer kleinen musikalischen Pilgerreise in eine andere Tonade wieder zurück Und manchmal singt einer so schräg, dass die Gnade besonders viel zu tun bekommt.
00:12:35: Aber alle gehören zum Lied!
00:12:39: Das ist Gemeinde und das ist Kirche.
00:12:42: Zumindest sollte sie das sein – ein Ort an dem ich nicht erst wie alle anderen klingen muss um gehört zu werden….
00:12:48: Ein Ort an den niemand behauptet Seine Stimme sei der ganze Chor.
00:12:54: Ein Ort, an dem wir einander nicht die eigene Melodie nehmen sondern so umeinander singen, dass jeder Seine wieder finden kann.
00:13:04: Einheit bedeutet nicht alle singen dieselbe Stimme.
00:13:08: Einheid bedeutet jeder darf ich singen und niemand klingt allein!
00:13:14: Und wenn wir das nächste Mal I'm Still Standing hören dann vielleicht nicht nur Elton John's trotzigen Abschiedsgross Vielleicht hören wie die vielen Geschichten der Menschen um uns herum Die hellen und die dunklen stimmen Die sicheren und die brüchigen, diejenigen, die gerade kraftvoll stehen.
00:13:34: Und diejenige, die von anderen mitgetragen werden.
00:13:39: Ein ganzer Chor voller Ichs ein Klang!
00:13:43: Und mitten darin Gott, der jedem einzelnen und jeder einzelnen zuruft Deine Stimme fehlt wenn du schweigst Denn klang ist kein Versehen Und wo du gefallen bist Ist deine Geschichte nicht zu Ende.
00:13:59: Amster Standing Ich bin immer noch da und du auch.
00:14:04: Und niemals, niemals allein!