Predigtbruch

Predigtbruch

Transkript

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00:00:00: Es gibt Abende, da schreibe ich eine E-Mail bei der ich sicher bin.

00:00:03: Sie wird die Erdachse korrigieren.

00:00:06: Ich sitze vor dem Bildschirm Der Rest des Hauses schläft Und dann formuliere ich den Sachverhalt zum fünften Mal Klarer.

00:00:15: Die ist mal auch präziser Mit Argumenten, die so vernünftig sind Dass irgendwo ein Engel seinen Textmarker zückt.

00:00:23: Und dann lese ich alles nochmal.

00:00:25: Ich streiche das Wort inakzeptabel weil ich erwachsen bin und dann setze ich es wieder ein, weil ich wütend bin und recht habe.

00:00:33: Und schließlich drücke ich vaghalsig auf Senden.

00:00:37: Für einen ganz kurzen Augenblick fühlt es sich an als hätte man etwas getan!

00:00:42: Die Nachricht zieht los vorbei an Routern, Servern und vermutlich mehreren Satelliten – ein kleines digitales Schreiben gegen die Schwerkraft der Verhältnisse.

00:00:53: Am nächsten Morgen kommt die Antwort.

00:00:55: Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

00:00:57: Wir nehmen Ihre Bedenken ernst.

00:00:59: Das ist Verwaltungssprache für dein Gefühles berichtigt, die Antwort ist nein.

00:01:06: Und da ist es dieses Gefühl das wir kaum beim Namen nennen.

00:01:10: Es ist nicht Traurigkeit noch nicht mal wirklich Wut, es ist Hilflosigkeit.

00:01:16: Ich sehe was geschieht ich weiß was es anrichtet!

00:01:19: Ich kann's erklären Belegen mit gelben Zetteln bekleben und in einer Powerpoint mit sanften Übergängen präsentieren Und trotzdem bewegt sich nichts.

00:01:31: Hilflosigkeit ist, wenn Handlungen und Wirkung auseinanderbrechen.

00:01:35: Du trittst auf das Pedal, hörst den Motor heulen und merkst.

00:01:39: Das Lenkrad ist gar nicht mit den Rädern verbunden.

00:01:43: Hilflosigkeit gehört zu den Gefühlen die wir am schlechtesten aushalten.

00:01:47: Angst kann man wenigstens zugeben.

00:01:50: Trauer hat gesellschaftlich einen Blumenstrauß bekommen.

00:01:53: Sogar Erschöpfung darf inzwischen noch eine Tasse gedruckt werden.

00:01:57: Aber Hilflossigkeit Das richt nach Versagen, nach Kind sein.

00:02:02: Nach dem peinlichen Eingeständnis das die Welt nicht auf unsere Kompetenz gewartet hat.

00:02:08: Also verkleiden wir sie!

00:02:10: Am liebsten als Wut.

00:02:12: Wut hat breitere Schultern – Sie spricht lauter, steht gerade und kennt erstaunlich viele Ausrufezeichen.

00:02:19: Nadja Bolz Weber beschreibt Wut, Résentiments & Sarkasmus als vertraute Orte an die sie gerne zurückkehrt wenn sie sich machtlos fühlt.

00:02:28: Das leuchtet mir auch ein.

00:02:30: Wut ist aber nicht immer das Gegenteil von Hilflosigkeit, manchmal ist sie genauso Hilflossigkeit nur in Lederjacke.

00:02:39: Denn solange ich mich empöre spüre ich Kraft.

00:02:42: Solange ich einen Schuldigen habe hat mein Schmerz wenigstens eine Adresse und wenn ich innerlich Anklageschriften verfasse muss sich nicht sagen Ich weiß gerade nicht was ich tun soll.

00:02:54: Empörung kann berechtigt und Zorn sogar heilig sein.

00:02:58: Jesus hat nicht im Tempel gestanden und freundlich vorgeschlagen, die Geschäftsordnung noch einmal ergebnisoffen zu evaluieren.

00:03:06: Aber selbst berechtigter Zorn kann uns auffressen – wenn er nur noch die Aufgabe hat, uns für unser Hauonmach zu schützen!

00:03:14: Dann werden wir hart oder sarkastisch … Oder wir reden über Menschen nur noch als Karikatoren.

00:03:20: Wir geben ihnen andere Namen weil eine Karikatur leichter zu bekämpfen ist als ein Mensch den wir nicht überzeugen

00:03:27: können.".

00:03:28: Für zehn Minuten fühlt sich das gut an.

00:03:31: Machtlosigkeit mit einem kleinen Espresso.

00:03:35: Danach sind wir aber immer noch hilflos, nur zusätzlich auch ungerecht!

00:03:40: Die zweite Verkleidung ist Kontrolle – noch eine Mail, noch ein Gespräch, vielleicht ne Liste oder noch schnell um dreiundzwanzig Uhr achtundvierzig nachsehen ob jemand geantwortet hat?

00:03:53: Und dann nennen wir das Verantwortungsbewusstsein….

00:03:56: Aber das Nervensystem nennt es Ich versuche verzweifelt einen Türgriff an eine Wand zu schrauben.

00:04:04: Auch helfen kann so ne Verkleidung werden!

00:04:07: Wir retten, organisieren, erinnern andere vermitteln und tragen Dinge die nie in unseren Rucksack gehört haben.

00:04:14: Nicht immer weil der Andere uns braucht Manchmal auch einfach weil wir es nicht ertragen dass wir ihn nicht retten können.

00:04:22: Dann ist Hilfe die höfliche Schwester der Kontrolle.

00:04:25: Sie bringt Kuchen mit Lächelt freundlich und übernimmt vorsichtsalber das ganze Leben des anderen.

00:04:31: Aus bestem Interesse versteht sich.

00:04:34: Psychologen sprechen von erlerner Hilflosigkeit.

00:04:38: Vereinfacht gesagt, bei lang anhaltendem unkontrollierbarem Stress muss ein Lebewesen Passivität nicht mühsam lernen.

00:04:47: Gelernt werden muss vielmehr die Erfahrung von Kontrollierbarkeit.

00:04:52: Mein Tun hat eine Wirkung.

00:04:55: Ich drücke hier und da, geschieht was.

00:04:57: Ich rufe und jemand antwortet oder ich wäre mich Und eine Grenze wird respektiert.

00:05:04: Wenn Menschen aber oft genug erleben dass ihr Widerspruch nichts ändert Dass ihre Stimme folgenlos bleibt und die Entscheidung ohnehin anderswo fällt Dann geschieht etwas Gefährliches.

00:05:15: Sie hören nicht nur auf zu kämpfen Sie hören auch was zu versuchen.

00:05:20: Irgendwann bleibt die Tür zu selbst wenn sie längst nicht mehr abgeschlossen ist.

00:05:25: Das ist keine Charakterschwäche, die halt bisschen Motivation braucht.

00:05:29: Und bitte hört auf Leuten Tassen zu schenken, auf denen Dinge stehen wie Du musst einfach an dich glauben!

00:05:35: Das ist ein erstaunlich bequemer Satz für Menschen, die überschlüsselt verfügen.

00:05:40: Es gibt aber echte Ohnmacht Krankheit Gewalt Abhängigkeit Entscheidungen, die über unsere Köpfe hinweg getroffen werden.

00:05:49: Wer das alles zur einer Frage der inneren Einstellung erklärt hat nicht geholfen.

00:05:55: Er hat das Schlossroser angemalt und dazu gesagt, dass es eigentlich auch so ein bisschen deine Schuld ist.

00:06:00: Dass es nicht besser wird weil wie gesagt du musst einfach an dich glauben.

00:06:06: Die Frage lautet also nicht Wie werde ich wieder Herr über alles?

00:06:11: Das wäre nämlich nur die nächste Verkleidung!

00:06:14: Die Theologin Kate Bauler benutzt einen klugen Ausdruck dafür Begrenzte Wirksamkeit.

00:06:21: Zwischen Alles ist möglich und Nichts ist möglich liegt ein kleiner bewohnbarer Streifenland.

00:06:28: Und da kann ich nicht die ganze Welt wenden, aber ich kann wenigstens etwas tun!

00:06:33: Nicht alles – nur

00:06:35: etwas.".

00:06:36: Die Bibel kennt diesen schmalen Streifen auch zum Beispiel in einem Boot auf dem See Genetzerrett.

00:06:43: Jesus und seine Freunde fahren hinüber.

00:06:45: dann kommt der Sturm.

00:06:47: keine stimmungsvolle Brise mit wehendem Haar vorne am Bug.

00:06:51: Die Wellen schlagen ins Boot das Wasser steigt und erfahrene Fischer verlieren die Kontrolle.

00:06:57: Und Jesus?

00:06:59: Schläft, hinten im Boot auf einem Kissen!

00:07:02: Die Jünger wecken ihn nicht mit einem dogmatisch ausgereiften Gebet.

00:07:06: Sie sagen – Meister kümmert das dich nicht, dass wir

00:07:09: umkommen?!

00:07:11: Das muss man ganz genau hören.

00:07:13: Das ist nämlich nicht nur Angst.

00:07:15: Das sind Vorwurf.

00:07:16: Aus dem Wir können nichts tun.

00:07:19: wird ein dir es egal.

00:07:21: So spricht Hilflosigkeit.

00:07:24: Sie sucht einen Verantwortlichen, weil ein verantwortlicher erträglicher ist als ein Sturm den niemand beherrscht.

00:07:32: Ich liebe diese Frage, weil sie so unanständig ehrlich ist!

00:07:37: Kein frommes Vorwort – kein Wenn es deinem unerforschlichen Ratschluss entspricht.

00:07:43: Nur ein kurzes Kümmer das dich nicht.

00:07:47: Wo bist du?

00:07:49: Warum schläfst Du wenn mir das Wasser bis zum Hals steht?

00:07:53: Und Jesus hält keine Andacht über positives Denken.

00:07:56: Er sagt nicht, der Sturm ist nur eine Wachstumschance mit Wind.

00:08:01: Er steht auf!

00:08:02: Er spricht in das Chaos und der Wind legt sich.

00:08:06: Jetzt wär's zünisch da rauszumachen.

00:08:09: wenn du nur richtig glaubst wird jedes Meer glatt.

00:08:12: Es stimmt nicht.

00:08:13: wir kennen Boote die untergegangen sind Gebete nach denen der Befund derselbe blieb, wir alle kennen Menschen die alles versucht haben und trotzdem verloren.

00:08:24: Das Evangelium ist keine Unwetterversicherung.

00:08:28: aber die Geschichte tut was ganz Entscheidendes sie erlaubt den Jüngern ihre Hilflosigkeit auszusprechen ohne sie dafür aus dem Boot zu werfen.

00:08:38: selbst ihr Vorwurf erreicht Jesus Und so wird dieser enttäuschte Satz zu einem mächtigen Gebet, weil es an die richtige Adresse geht.

00:08:48: Das kommt aber noch ein viel wichtigerer Schritt – sie bleiben danach nicht für immer in der Mitte des Sees liegen und eröffnen dort einen Gesprächskreis für maritime Begrenzerfahrungen.

00:09:00: Die fahren weiter!

00:09:02: Der Sturm ist nicht ihre Identität geworden.

00:09:05: Am anderen Ufer wartet wieder Leben Arbeit Ein Mensch, der Hilfe braucht.

00:09:11: Das ist begrenzte Wirksamkeit.

00:09:14: Dieser See gehört jetzt nicht Ihnen und der nächste Wind gehorcht Ihnen wahrscheinlich nicht, aber Sie können das Segel setzen, einander festhalten und weiterfahren weil sie erfahren und gespürt haben dass auch das wenige was sie tun können wirksam es Und das ist für mich die geistliche Bewegung Nicht von Ohnmacht zu Allmacht Von Ohnmarkt zur Beziehung.

00:09:41: Die ist alles egal.

00:09:43: Zu, ich bin nicht alleine im Boot.

00:09:46: Sie lernen anders zu fragen und zwar was ist mir denn heute tatsächlich möglich?

00:09:54: Ja manchmal geht echt nicht viel.

00:09:57: Manchmal geht nur ein klares Nein oder einen Anruf.

00:10:01: Manchmal kannst du nur entscheiden eine weitere Mail nicht mehr zu schreiben weil auch dieser Entwurf inzwischen nur noch dieselbe Wunde mit neuen Adjektiven beschreibt.

00:10:11: Wirksamkeit kann heißen, öffentlich zu widersprechen oder einfach einen Raum zu verlassen in dem die eigene Würde regelmäßig als Kollateralschaden behandelt wird.

00:10:23: Und die schwersten Momente sind die wo das einzige was wir tun können ist nicht so zu werden wie das was uns verletzt.

00:10:32: Das klingt klein Ist es aber nicht.

00:10:35: Wer machtlos gemacht wird der steht immer in der Versuchung Macht mit kalter Härte zu verwechseln.

00:10:43: Da reicht man das weiter, diese frustrierende Ohnmacht nach unten oder nach innen oder an den nächsten Dann trittst du gegen jemanden nur um wieder zu spüren dass der eigene Fuß noch Wirkung hat.

00:10:57: Aber diesen Kreislauf zu unterbrechen Das ist keine Passivität!

00:11:02: Das ist Widerstand.

00:11:04: Ich kann nicht jeden überzeugen.

00:11:07: ich kann nicht jedem Menschen retten den ich liebe Aber auch wenn ich nicht garantieren kann, dass das Boteil ankommt.

00:11:15: Kann ich mich weigern aus Hilflosigkeit grausam zu werden?

00:11:21: Ich kann darauf achten wann meine Wut Wahrheit spricht und wann sie nur verletzt und vergiftet!

00:11:28: Ich kann immer versuchen zu unterscheiden ob ich gerade helfe oder kontrolliere.

00:11:34: Nutz deine Stimme Auch wenn Sie nicht den ganzen Raum regiert Und wenn gefühlt gar nichts mehr geht oder du den Mutgrad nicht findest.

00:11:44: Dann kannst du beten, sprich mit Gott und ja, du darfst auch hässliche Sachen sagen.

00:11:49: wie kümmert das dich nicht?

00:11:52: Das ist ein ehrlicher Notruf!

00:11:55: Vielleicht ist es schon der erste Türgriff, dass ich meine Hilflosigkeit nicht länger Wut nenne oder Empörung, dass sich laut sage hier komme ich nicht weiter.

00:12:06: Hier brauche ich jemandem weil ich Angst habe und meine Kraft nicht

00:12:09: reicht.".

00:12:11: Gott verlangt nicht, dass wir so tun als hätten wir das Meer im Griff.

00:12:15: Er ist da und hört dich – manchmal so verborgen, dass aus deinem Gebeten Vorwurf wird aber er ist immer ansprechbar Und selbst wenn der Sturm nicht sofort schweigt bleibt diese begrenzte trotzige Freiheit.

00:12:32: Wir dürfen rufen!

00:12:34: Wir dürfen einander festhalten und wir dürfen das Nächste tun.

00:12:39: Vielleicht geht nicht alles Aber es geht auch nicht nichts, dass das weniger als unsere Allmachtsfantasie gerne hätte und so viel mehr als die Hilflosigkeit uns glauben lassen will.