Predigtbruch

Predigtbruch

Transkript

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00:00:00: Als ich Pfarrer in der Hochschulgemeinde in Frankfurt war, wurde irgendwann meine Stelle gestrichen.

00:00:06: Unter meinem Hintern weg!

00:00:08: Die Kolleginnen gingen ohnehin den Ruhestand und statt deren Stelle einfach nicht mehr neu auszuschreiben, entschied man sich meinen Auftrag Auslaufen zu lassen.

00:00:18: Man nannte mir keinen Grund – Ich habe gefragt ob meiner Arbeit nicht gut sei oder es irgendwelche konstruktive Kritik gäbe oder so… Keine Antwort.

00:00:28: Also habe ich mich nach höchst in die Klinik Seelsorge beworben, in die Kinderklinik.

00:00:34: Und die Zeit da prägt mich bis heute, weil es wundervolle Menschen gab – Begegnungen zwischen Alltag anfängen und vor allem auch vielen, vielen Enden!

00:00:46: Mein damaliger Vorgesetzter wollte eine Verabschiedung der Hochschulgemeinde… Ich nicht... Es war ein großes Fest, es wurde gegrillt, es gab einen Gottesdienst und er sprach ein paar Worte.

00:00:58: Man gratulierte mir zu der neuen Stelle, wie anspruchsvoll die sei und dass das ja wirklich ein wahnsinnig mutiger und toller Sprung sei.

00:01:08: Und in meinem Kopf lief so eine Szene wo ich einfach mit der Schwimmnudel auf jeden einen Kloppe der Ditter sagte – nur im meinem Kopf!

00:01:17: Aber da hatte sie einen Trailer, einen Soundtrack und zur Zeitloobmomente….

00:01:22: Ich bin da ja nicht freiwillig gegangen …und dass die Klinik für mich so schicksal als Haft werden

00:01:27: würde."

00:01:28: War mir ja auch nicht klar.

00:01:30: Mein Gefühl war, man hatte mich entsorgt und jetzt gratuliert man mir zum Aufbruch.

00:01:37: Es gibt so Augenblicke Da gratulieren einem plötzlich Menschen Zur neuen Wohnung zur Entscheidung endlich zu gehen Zum ersten Schultag zum Ruhestand oder zum Neustart.

00:01:49: Sie klopfen dir auf die Schulter und sagen Das ist doch großartig Du musst dich wahnsinnig freuen.

00:01:56: Muss ich das?

00:01:57: Und du lächelst, weil es unhöflich wäre bei der eigenen Gratulation zu weinen.

00:02:03: Gleichzeitig zieht irgendwo im Inneren ein Schiff langsam aus dem Hafen.

00:02:08: Darauf befindet sich das Leben dass man nun nicht mehr leben wird.

00:02:13: Versteht mir nicht falsch ich wollte da nicht bleiben!

00:02:16: Ich saß da einem fantastischen Büro auf einem wunderschönen Campus und hatte absolut und überhaupt gar nichts zu tun.

00:02:24: aber vielleicht wär das noch anders geworden.

00:02:26: keine Ahnung.

00:02:28: Die amerikanische Autorin Cheryl Strait hat dafür in ihrem Buch Tiny Beautiful Things ein wunderbares Bild gefunden.

00:02:36: Sie nennt dieses andere mögliche Leben das Geisterschiff, dass es uns nicht mitgenommen hat.

00:02:43: In Ihrem Text geht's ursprünglich um ein Paar, das nicht weiß ob er sein Kind bekommen soll und sie gibt den beiden keine beruhigende Antwort nach dem Motto Tief in euch kennt ihr längst den richtigen Weg?

00:02:56: Niemals kennen wir ihn eben nicht.

00:02:58: Manchmal stehen zwei Türen offen und hinter beiden könnte ein gutes Leben liegen.

00:03:04: Das ist schwer auszuhalten, wir hätten gern einen richtigen Weg und daneben einen eindeutig falschen – so richtig gut beschildert wie in Filmen wo ein Weg im Wald auf die Sonne gewiese führt und der andere ins düstere Unterholzwoll verheulen.

00:03:20: Und natürlich sagt irgendwer im Film immer Lass uns den dunklen Weg nehmen!

00:03:25: Nein lass uns auf die Wiese gehen und picknicken.

00:03:28: Wer hat kein sehr spannender Film?

00:03:30: Aber wenn das alles mal deutlich ausgewiesen wäre, könnten wir entschlossen in die andere Richtung gehen.

00:03:37: Das Leben ist leider ein lausiger Verkehrspädagoge.

00:03:41: Es stellt zwei Schiffe in den Hafen.

00:03:43: Beide sehen sehtüchtig aus.

00:03:46: Jedes fährt in eine andere Richtung und sobald wir eins betreten löst es andere die Leinen Und startet die Musik an Deck.

00:03:54: Wir werden nie erfahren wer wir an Bord dieses anderen Schiffes geworden wären wer uns da begegnet wäre, welche Aussicht wir von seinem Deck gehabt hätten.

00:04:05: Wir wissen auch nicht, ob wieder glücklicher gewesen wären.

00:04:08: In unserer Vorstellung natürlich schon.

00:04:10: das ungelebte Leben hat nämlich einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.

00:04:15: Es musste nie an einem verregneten Dienstag stattfinden.

00:04:20: Auf dem Geisterschiff gibt es keine Steuererklärung, keine müden Gespräche um elf Uhr abends Keine undichte Spülmaschine.

00:04:27: Da sind wir immer die mutigere, schlankere und emotional besser sortierte Version von uns selbst.

00:04:34: Das ungelebte Leben erscheint im Directorscut.

00:04:38: Während unser wirkliches Leben mit Versprechern Wartezeiten und ungeklärten Zuständigkeiten ausgestrahlt wird.

00:04:45: Kein Wunder dass wir manchmal rüber schielen.

00:04:48: Ein Aufbruch wird dadurch nicht falsch Und deine Traurigkeit ist kein Umleitungsschild.

00:04:54: Deine Zweifel beweisen nicht das du dich falsch entschieden hast.

00:04:58: Sie zeigen oft nur, dass uns etwas doch wertvoller war als wir damals dachten.

00:05:03: Du musst diese andere Zukunft auch nicht schlecht reden um deine jetzige Wählen zu dürfen.

00:05:09: Das ist vielleicht der schwierigste Satz bei jedem Neuanfang.

00:05:12: Wir erleichtern uns den Abschied nämlich gerne indem wir das alte nachträglich abwerten Klappt auch super bei Ex-Freunden.

00:05:20: Ich sag's nur Wenn du gute Freunde hast die dir dann sagen ich weiß eh nicht was dir dabei gedacht hast.

00:05:27: Es war eine Vollkatastrophe und schlanker wurde er auch nicht.

00:05:31: Zack, Akte geschlossen!

00:05:33: Leider erinnert sich das Herz aber an die schönen Tage An den Menschen in ihren Besten Umarmung Fürsorge Humormomenten Und auch an die Version von uns Die geglaubt hat Genau dieses Leben könne für immer genügen.

00:05:48: Manches endet Obwohl es nicht wertlos war Und manche Zukunft fällt aus Obwohl sie schön hätte werden können.

00:05:56: In dem Wort Aufbruch steckt der Bruch schon drin.

00:05:59: Wir überhören den nur gerne, wir machen aus Aufbruchs eine Werbeanzeige mit Sonnenaufgang, Rucksack und einem Menschen, der sehr überzeugend auf einen Berg schaut.

00:06:10: Niemand zeigt das Bild danach wenn dieser Mensch feststellt dass er die Blasenpflaster im alten Leben gelassen hat.

00:06:17: Die Bibel erzählt eine Berufungsgeschichte die erstaunlich wenig nach Sonnen-Aufgang aussieht.

00:06:23: Ein Mann namens Elisa flügt ein Feld Vor ihm zwölf Gespanne, ein großer Betrieb, klare Arbeit eingespielte Abläufe.

00:06:32: Und dann kommt der Prophet Elia!

00:06:35: Ich weiß superverwirrend.

00:06:36: ELISA und ELIA!

00:06:39: Also der Prophet ELIA kommt vorbei und wirft ihm seinen Mantel über die Schultern.

00:06:45: Keine Stellenbeschreibung kein Kennlerngespräch.

00:06:48: Ein Mantel landet auf Elisa und er begreift mein Leben hat mich gerade gerufen.

00:06:54: Elisa läuft hinter Elia her und bittet darum, sich von seinen Eltern verabschieden zu dürfen.

00:07:00: Danach kehrt er zu den Rindern zurück.

00:07:03: Er nimmt ein Gespann, schlachtet die Tiere zerlegt das Arbeitsgerät Und macht mit dem Holz Feuer.

00:07:10: Auf diesem Feuer bereitet ihr das Fleisch zu und verteilt es an die Menschen.

00:07:14: Sie essen miteinander.

00:07:16: Dann steht Elisa auf und geht mit Elia.

00:07:21: Der erste Gottesdienst seines neuen Lebens ist quasi ein Grillfest.

00:07:25: Das Brennholz ist die Zukunft, die ihr nicht mehr leben wird.

00:07:29: Elisa spuckt aber nicht auf sein bisheriges Leben!

00:07:32: Der schimpft nicht über den Acker und erklärt dem Flug nicht zum Symbol seiner Unterdrückung – das Alte darf die Menschen noch einmal wärmen und satt machen.

00:07:42: Es wird Teil eines Abschieds Festes.

00:07:45: Danach taugt es nicht mehr als Rückfahrkarte.

00:07:48: Und so ist es leider.

00:07:50: Nicht alles was dich bis hierher gebracht hat kann dich auch

00:07:54: weiterbringen.".

00:07:55: Manche Rolle gab dir Bedeutung und lässt dir inzwischen kaum noch Luft.

00:08:00: Da wo du der Vernünftige warst oder die Starke, der Retter – diejenige, die alles zusammenmeldet!

00:08:07: Und vielleicht hast Du diese Rolle auch gebraucht?

00:08:10: Vielleicht haben andere sie dringend von Dir gebrauchen aber das macht sie nicht zu deiner lebenslangen Berufung.

00:08:18: Ein Bild von Dir selbst kann zum Flug werden.

00:08:21: Es hat jahrelang zuverlässig seine Furchen gezogen immer dieselbe Strecke sauber geradeaus.

00:08:27: Bis eines Tages ein Mantel auf deinen Schultern liegt und du merkst, ich könnte auch jemand werden den ich bisher nicht vorher gesehen hatte.

00:08:36: Nun ist die Geschichte von Elisa keine Aufforderung heute Abend den Arbeitsvertrag zu kündigen das Handy im Gartenteich zu versenken und aus dem Wohnzimmer möbeln einen Abschiedsfeier zu bauen.

00:08:49: Wobei es schon Verlockend klingt oder?

00:08:51: Aber viele Entscheidungen brauchen Zeit!

00:08:54: und ein offener Rückweg ist manchmal klug.

00:08:57: Elisa erinnert uns an was anderes, Ein wirklicher Anfang braucht irgendwann ein inneres Ja zu dem Leben das jetzt deins wird.

00:09:07: Solange wir jeden Morgen prüfen ob das Geisterschiff vielleicht doch zurückgekommen ist bleiben wir mit einem Fuß auf dem Kai.

00:09:15: Dann fahren wir zwar los kommen aber nirgendwo an.

00:09:18: Wir feiern Anfänge total ausführlich.

00:09:21: Es gibt Einweihungen, Einschulungen, Einführungs-Gottesdienste und kleine Schlüssel aus Marzipan.

00:09:28: Für die ungelebten Leben haben wir kaum Rituale.

00:09:32: Dabei bräuchten wir manchmal einen stillen Abschied von dem Menschen der wir nicht mehr werden – von den Kindern, die wir nicht bekommen haben oder der Karriere, die Wir nicht verfolgt haben vom gemeinsamen Altwerden das nie stattgefunden hat.

00:09:48: Und auch von der Gesundheit, von der wir glaubten sie sei selbstverständlich!

00:09:53: Nicht jeder Aufbruch ist gewählt.

00:09:55: Manche Menschen betreten kein neues Schiff, das Alte wird ihnen unter den Füßen weggezogen.

00:10:01: Da kommt eine Diagnose oder die Firma schließt.

00:10:04: Eine Liebe entscheidet sich ohne uns Und dann klingt jedes Geräde vom mutigen Neuanfang wie dieser saublöden Kalender mit Weisheit für jeden Tag.

00:10:15: Wer so aufbrechen muss der braucht keine Lektion im Loslassen Der darf um das Geisterschiff trauern Um das Leben, das ihm versprochen schien.

00:10:26: Und diese Trauer ist ja keine Undankbarkeit gegenüber dem was noch da is'.

00:10:31: Sie is' Liebe zu dem, was hätte sein sollen!

00:10:35: Der Glaube behauptet nicht dass jede verlorene Zukunft in Wahrheit schlechter gewesen wäre.

00:10:41: Er zwingt uns auch nicht zu dem Satz – Das hat doch alles so sein müssen.

00:10:45: Manche Dinge hätten anders kommen sollen.

00:10:48: Gott sitzt nicht im Kontrollraum und versenkt Schiffe damit wir endlich auf seinen geheimen Kurs einschwenken.

00:10:54: Glaube heißt für mich, Gott es nicht nur in dieser Zukunft zu finden die wir verpasst haben.

00:11:01: Der ist an Bord des Lebens das uns tatsächlich trägt und auch wenn wir noch nicht wissen wo wir schlafen können.

00:11:07: Wenn der Wind dreht dann bin wir sehkrank an der Reling hängen und die Reise bisher erheblich spiritueller klang als sie sich anfühlt.

00:11:17: Wir müssen nicht beweisen dass unser Schiff das Best im Hafen war.

00:11:21: Es reicht dass es unseres ist.

00:11:23: Und Gott wartet nicht erst am Ziel, der sitzt längst neben uns auf dem Deck.

00:11:29: Und wo immer du diese Folge hörst kann dein Anfang ganz anders aussehen.

00:11:34: Vielleicht stehst du noch im Kai?

00:11:37: Vielleicht bist du längst unterwegs und fragst dich ob du hättest warten sollen?

00:11:41: Dann schaue ruhig nochmal zurück!

00:11:44: Du darfst dem anderen Leben nachwinken.

00:11:47: Du darf sagen auch du hattest schön sein können aber du bist nicht meins geworden.

00:11:54: Dreh dich um!

00:11:56: Vor dir liegt kein markeloses Leben, es ist dieses hier.

00:12:01: Mit seinen falschen Abzweigungen, seine ungeklärten Zuständigkeiten und diesen erstaunlichen Augenblicken in denen plötzlich jemand einen Mantel auf deine Schultern legt.

00:12:12: Du kannst nicht aufbrechen und gleichzeitig bleiben aber du darfst mitnehmen was dich gewärmt hat.

00:12:20: Du darfst teilen was dich satt gemacht hat.

00:12:26: und dann darfst du ihn loslassen.

00:12:28: Gott steht hinter dir, vor dir und neben dir.

00:12:32: Einmal tief atmen und leinenlos!