Predigtbruch

Predigtbruch

Transkript

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00:00:00: Ich war mal mit meinem Mann auf der Senkenbergneid.

00:00:03: Das ist so ein ganz schickes Galer-Event im Senkenbergnaturkundemuseum, Abendleider, Anzüge, Menschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

00:00:15: Und man denkt immer, man kennt das Gesicht aber weiß nicht woher?

00:00:19: Einen Tisch weiter saß Ray Garvey.

00:00:22: Den kenne ich!

00:00:23: Was an diesem Abend ungefähr mein stärkstes Indiz dafür war, dass ich mich versehentlich in einer anderen gesellschaftlichen Liga befand.

00:00:32: Mein Mann hatte dort tatsächlich eine Aufgabe.

00:00:35: Er erklärte möglichen Spendern und Unterstützern Ausstellungsstücke und Projekte des Museums.

00:00:41: Ich war hauptsächlich Deko Eine Funktion die ich pflichtbewusst erfüllte indem ich freundlich aussah.

00:00:47: ein wenig umher lief Ungefähr so viele Schrimsars, bis ich sicher war, dass irgendwo im Gebäude bereits eine Sicherheitskraft mein Foto auf ein Klemmbrett klebte.

00:00:59: Irgendwann ging ich an einen Hochdisch mit meinen Schrimms.

00:01:03: Da war genau noch ein Platz frei.

00:01:05: Runterum saßen sechs junge Damen und Herren – vielleicht so Mitte zwanzig?

00:01:11: Alle sehr gut gekleidet!

00:01:13: So gut das ich vermutete ihre Socken hätten einen eigenen

00:01:17: Vermögensberater.".

00:01:19: Ich lächelte in die Runde und fragte, ist der Platz noch frei?

00:01:24: Zwei von sechs reagierten.

00:01:26: Mit so einem zögerlich freundlichen ... ja gut genug ich setzte mich.

00:01:32: Es folgten gefühlte zwanzig Minuten Schweigen.

00:01:35: vermutlich waren es zwei aber zwei Minuten können sehr lang werden wenn alle am Tisch versuchen ihr Gespräch so weiter zu führen als hätte sich gerade kein Pfarrer mit Schrimsatem dazu gesetzt.

00:01:48: Also begann ich Smalltalk.

00:01:51: Was verbindet sie denn mit dem Senkenberg?

00:01:53: Eine junge Frau antwortete, mein Vater ist im Vorstand von BMW.

00:01:59: Ich weiß nicht mehr ob es wirklich BMW war aber es war sowas in dieser Größenordnung Ein Unternehmen bei dem selbst die Kantine vermutlich an der Börse notiert ist.

00:02:09: Mir war nicht ganz klar was der Beruf ihres Vaters über ihre persönliche Beziehung zum Senkenwerk aussagte Aber vermutlich spendete dort jemand viel Geld und deshalb durfte sie mit aufs Promi-Event.

00:02:23: Noch vollziehbar!

00:02:25: Als ich dann einen der Männer auffordernd ansah, sagte er, meine Eltern sind Wallensteins – und ich sah ihn weiter an.

00:02:33: Er sah offenbar keinen Bedarf diesen Satz noch durch ein Verb oder irgendeine Form von Erklärung zu belasten.

00:02:40: Seine Eltern waren ja Wallenstein's….

00:02:43: das musste reichen.

00:02:45: Dann fragte die junge Frau mich Und was machen sie?

00:02:50: Ich glaube nicht, dass ihr es wirklich wissen wollte.

00:02:52: Aber was

00:02:52: soll's?".

00:02:53: – ich bin

00:02:54: Pfarrer.".

00:02:54: – Ach ja", sagte sie.

00:02:58: Was macht man da so?

00:03:00: Und ich wollte kurz antworten,"Ich begrabe Menschen".

00:03:04: Nicht weil das mein Beruf vollständig beschrieben hätte aber es hätte dem Gespräch eine überraschende Tiefe gegeben.

00:03:11: Ich sagte das natürlich nicht.

00:03:13: Es folgten ein paar Minuten unangenehmes Geplänkel und dann stand ich auf, um mir noch einen Tellerschrims zu holen.

00:03:21: Und als ich ging spürte ich förmlich die rollenden Augen in meinem Nacken.

00:03:28: Ich dachte lange bei dieser Geschichte hätte ich was anders machen sollen weniger freundlich sein oder mich gar nicht erst hinsetzen diesen Hinweis im äh ja ernst nehmen.

00:03:41: vielleicht hätte ich auf die Frage nach meinem Beruf antworten sollen.

00:03:45: meine Eltern sind sperrbers und anschließend bedeutungsvoll schweigen.

00:03:50: Aber inzwischen glaube ich, dass das die falsche Rechnung ist.

00:03:53: Meine Freundlichkeit und ihre Ablehnung standen nicht in einem Verhältnis.

00:03:58: Freundlichkeit ist ja kein Tauschgeschäft!

00:04:00: Ich lächel nicht damit mir jemand dafür Zugehörigkeit auszahlt.

00:04:05: Ich frage mich nach, damit ich anschließende gesellschaftliche Bonuspunkte bekomme... ...ich bin freundlich weil ich einen schönen Abend haben will.

00:04:13: Weil ich neugierig bin Und weil ich die Welt angenehmer finde wenn wir einander nicht wie falsch zugestellte Pakete behandeln.

00:04:21: Freundlichkeit ist keine Bewerbung.

00:04:24: Sie ist eine Entscheidung darüber, wie ich in einem Raum sein möchte.

00:04:28: Ob jemand sie erwidert sagt zunächst wenig über ihren Wert.

00:04:32: Es sagt aber möglicherweise einiges über den Tisch.

00:04:36: es gibt Tische die aus Gemeinschaft entstehen.

00:04:39: Da sitzen Menschen weil sie was verbindet ne Geschichte oder ne Aufgabe vielleicht sogar ne Überzeugung oder Humor Vielleicht auch ein gemeinsamer Streit, der nicht sofort mit dem Ausschluss eines Beteiligten endet.

00:04:53: So Tische haben Inhalt.

00:04:55: Man kann an ihnen widersprechen und trotzdem bleiben.

00:04:59: Man darf Fragen stellen.

00:05:01: Man muss nicht denselben Nachnamen dieselbe Kleidung oder die gleiche Vorstellung von gutem Wein besitzen.

00:05:08: Und solche Tische können Heimat- und Hafen sein Nicht weil alle gleich sind sondern weil das gemeinsame Groß genug ist auch Verschiedenheit auszuhalten.

00:05:18: Und dann gibt es Tische, die eher wie so ein Baumhaus funktionieren.

00:05:22: Nicht die schönen Baumhäuser mit schiefen Brettern, Apfelsaft und einem Flaschenzug, der spätestens beim ersten Kind die Berufsgenossenschaft auf den Plan rufen würde!

00:05:32: Ich meine diese Baumhäuser, deren gesamte Architektur aus einem einzigen Schild besteht.

00:05:38: Du nicht.

00:05:40: Die Menschen darin wissen vielleicht gar nicht genau was sie verbindet – Sie wissen nur wer nicht hinauf darf.

00:05:46: Keine Vision, nur eine Leiter die sie hochziehen können.

00:05:53: Sobald jemand kommt dessen Vater nicht im Vorstand von irgendwas sitzt.

00:05:58: Das erzeugt kurzfristig ein starkes Gefühl.

00:06:01: Wir hier oben, die da unten.

00:06:04: Psychologisch ist das erstaunlich wirksam.

00:06:07: Gruppen können schon durch vollkommen willkürliche unterschiedlichen Gefühle von WIR und DIE erzeugen Ein Etikett reicht manchmal Milieu Oder Herkunft.

00:06:19: Ein Kleidungsstil, ein Satz den man richtig sagen muss.

00:06:24: Zugehörigkeit reduziert Unsicherheit.

00:06:27: Sie sagt uns wer wir sind wie wir uns verhalten und auf wen wir im Zweifel herabsehen dürfen.

00:06:34: Aber genau da beginnt das Problem.

00:06:36: Wenn eine Gemeinschaft keinen positiven Inhalt mehr besetzt Dann braucht sie ständig Menschen außerhalb ihrer Grenzen um sich selbst zu spüren.

00:06:46: Dann wird Ausschluss zum Herzschlag.

00:06:49: Dann muss immer jemand peinlich, falsch oder unpassend sein – zu liberal, zu konservativ, zu fromm und zu still!

00:06:57: Oder schlicht nicht Wallenstein genug?

00:07:02: Doch wenn ich nur weiß wen ich ablehne, dann weiß ich noch lange nicht wer ich bin.

00:07:07: Wenn ich weiß über wen wir gemeinsam die Augen verdrehen, dann habe ich noch kein Gespräch.

00:07:13: Wenn unser stärkstes Gemeinschaftserlebnis darin besteht, dass ein anderer den Tisch verlässt und wie erleichtert aufatmen, dann hatten wir vorher möglicherweise gar keine Gemeinsschaft.

00:07:25: Wir hatten nun gemeinsames Opfer!

00:07:28: Man sagt gern gemeinsame Feindbilder verbinden – für einen Moment stimmt es sogar.

00:07:35: Zwei Menschen stellen auf einer Party fest das sie dieselbe Person nicht leiden können und plötzlich haben Sie zwanzig Minuten Gesprächsstoff.

00:07:44: Es fühlt sich intensiv an, fast wie näher.

00:07:47: Ist es aber nicht!

00:07:49: Hass erzeugt keine Bindung Erzeugt Gleichrichtung.

00:07:54: Alle schauen kurz in dieselbe Richtung weil da jemand steht gegen den man sein kann.

00:08:00: Aber wenn dieser Mensch geht dann müssen sie sich wieder ansehen und dann zeigt sich ob zwischen ihnen überhaupt was existiert.

00:08:09: Hass kann Menschen versammeln aber er kann ihn kein Zuhause bauen.

00:08:14: Er kennt keine Zärtlichkeit, Trost oder Neugier.

00:08:18: Der kann nicht sagen, erzähl mir von dir!

00:08:21: Er kann nur sagen, erzähl mir nochmal warum wir die anderen verachten.

00:08:28: Das ist Gemeinschaft als Fassade sowie manche Häuser auf historischen Marktplätzen vor eine wunderschöne Fachwerk frisch gestrichen Blumen in den Fenstern und Touristen bleiben stehen und machen Fotos Aber dahinter zieht es durch jede Ritze.

00:08:46: Die Balken sind morsch, im Keller steht Wasser und wenn man sich nachts in Bett umdreht bewegt sich vermutlich die aufgeklebte Außenwand einen halben Meter mit.

00:08:56: Von außen sieht das aus wie Heimat von innen trägt es nicht.

00:09:01: Vielleicht war das an diesem Hochtisch genau so.

00:09:04: vielleicht auch nicht.

00:09:06: Möglicherweise waren das wunderbare Menschen, die einfach einen schlechten Moment hatten.

00:09:11: Oder vielleicht hatte ich mich tatsächlich in ein vertrauliches Gespräch gesetzt?

00:09:15: Vielleicht waren sie müde.

00:09:17: Vielleicht hatte jemand kurz vorher angekündigt, dass die Schrimms knapp werden und ich war bereits als natürliche Bedrohung identifiziert worden.

00:09:27: Man sollte aus zwei Minuten keine Charakterstudie mit psychiatrischem Anhang machen Aber der Tisch wurde für mich zu einem Bild Für Gemeinschaften Die sehr genau wissen wer draußen bleiben soll Aber kaum noch sagen können, was drinnen eigentlich geschieht.

00:09:44: Auch Kirche kann zu so einem Baumhaus werden.

00:09:48: Dann haben wir Lehrsätze, Traditionen, Milieus – eine Sprache die vor allem dazu dient, zuverlässig festzustellen wer nicht richtig dazugehört.

00:09:58: Wer ist nicht fromm genug?

00:10:00: Wer is viel zu liberal?

00:10:03: Wer ist zu konservativ und altbacken?

00:10:05: Wer es falsch angezogen?

00:10:07: Jesus sagt Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen.

00:10:12: Viele!

00:10:13: Nicht ein großer Saal, in dem alle dieselben Gardinen besitzen und sich darauf verständigt haben wer ausziehen muss.

00:10:21: Viele Wohnungen – das heißt doch Gottes Haus gewinnt seine Identität nicht dadurch dass es möglichst viele Menschen vor der Tür stehen lässt?

00:10:31: Es ist groß weil es Verschiedenheit bewohnen kann.

00:10:35: Gott weiß offenbar wer er ist ohne jemand dafür abwerten zu müssen.

00:10:39: Der braucht kein Feindbild, um Gemeinschaft zu erzeugen.

00:10:43: Keine hochgezogene Leiter, keinen Tisch an dem Menschen nur dann enger zusammenrücken wenn ein Fremder sich nähert.

00:10:52: Ich glaube das ist der eigentliche Unterschied.

00:10:54: Ein falscher Tisch fragt wen können wir ausschließen damit wir uns besonders fühlen?

00:11:00: Und ein guter Tisch fragts Was können wir teilen damit was zwischen uns entsteht?

00:11:06: Vielleicht Brot oder Geschichten einfach nur Lachen?

00:11:09: oder Verantwortung?

00:11:10: Manchmal auch einfach Schrimms.

00:11:12: Und vielleicht war es richtig, dass sich an diesem Abend noch mal zum Befähigen.

00:11:17: Essen löst nicht jedes soziale Problem.

00:11:20: Obwohl man das bei einer ausreichend guten Knoblauchsoße nicht vorschnell ausschließen sollte... Ich glaube, es war gut weil da was lag, was am Tisch nicht zu bekommen war.

00:11:31: Etwas, das tatsächlich geteilt werden konnte.

00:11:34: Meine Schrims wollten nicht wissen wer meine Eltern waren!

00:11:37: Sie fragten nicht ob ich als Fahrer etwas Vernünftiges mache?

00:11:41: Sie lagen einfach da, offen für alle bis ich kam.

00:11:45: Dann waren sie für eine kurze aber sehr erfüllte Zeit offen für mich und vielleicht ist das die Porente.

00:11:53: Wer nur weiß wen er nicht am Tisch haben will hat noch keine Gemeinschaft.

00:11:58: Er hat ne Sitzordnung.

00:12:00: Gottes Tisch dagegen is kein Baumhaus mit hochgezogener Leiter.

00:12:06: Er iss ein Haus mit vielen Wohnungen und offenbar auch mit einem Buffet an dem niemand die Schrimms nach Stammbaum verteilt.